Stolperstein Initiative Göppingen


Schulpartnerschaften

Im Jahr 2009 war die Uhlandrealschule ein Partner. Die Schülerinnen und Schüler übernahmen die Patenschaft für die Stolpersteine der Familie Banemann.

2010 ist unser Partner das Freihof-Gymnasium. Eine Schulklasse hat die Patenschaft für die Stolpersteine des Ehepaars Irma und Julius Fleischer übernommen und sich mit deren Schicksal ausführlich auseinandergesetzt.

Die Schulklassen erstellten folgende Berichte:

Im Rahmen des Geschichtsunterrichts haben sich die Klassen 9 des Freihof-Gymnasiums mit der jüdischen Familie Fleischer beschäftigt und hier besonders mit zwei Söhnen, Arthur und Julius Fleischer, die mit ihren Frauen den Holocaust nicht überlebten.  

Eine angesehene Göppinger Familie

 Samuel Fleischer (geb. am 9.Nov. 1849) kam im Alter von 15 Jahre in die Korsettfabrik seines Onkels Daniel Rosenthal in Göppingen. Er heiratete 1878  Emilie Rosenthal. Ab 1887 leitete er mit seinen Brüdern und seinem Schwager die Firma „Rosenthal, Fleischer & Co.“ als erster Gesellschafter bis zu seinem Tod 1920. Es war ein angesehenes und erfolgreiches Familienunternehmen, das mit seinen Produkten auf vielen Weltausstellungen vertreten war und internationale Auszeichnungen erhielt. Als Zeichen diese wirtschaftlichen Aufschwungs darf 1894 ein neues Fabrikgebäude gesehen werden, das an der Nördlichen Ringstraße entstand (heute: Technisches Rathaus). Nach dem 1.Weltkrieg war die Firma vom Modewandel betroffen. Plötzlich waren Korsetts verpönt. Die Produktion konnte nur noch in kleinem Umfang weiterlaufen. 1928 wurde deshalb das Fabrikgebäude und die Villa am Nordring an die Stadt Göppingen verkauft, aber der Familie war ein lebenslanges Wohnrecht vertraglich zugesichert. 1935 setzte sich der Nazi-Bürgermeister Pack darüber hinweg. Die Familie musste das Haus verlassen, in das Pack selbst einzog.

Lena Biber Klasse 9b Freihof-Gymnasium

  

Julius Fleischer und seine Frau Irma

 Julius Fleischer wurde am 6.7.1882 in Göppingen als drittes Kind von Samuel und Emilie Fleischer geboren. Er heiratete am 20.11.1919 in Camberg Irma May und hatte mit ihr vier Kinder: Arnold, Doris Sylvia, Susanne und Richard. Obgleich die Familie nicht in der Villa am Nordring wohnte sah man die Kinder häufig im Garten spielen.Julius interessiert sich besonders für Medizin und die Herstellung von Naturheilmittel. Dennoch übernahm er mit seinem Bruder 1920 nach dem Tode des Vaters die Leitung der Firma. Von Zeitgenossen wird er als intelligent, hilfsbereit und bescheiden beschrieben.

Meike Vollmer, Klasse 9b

  

Ausgrenzung, Entrechtung und Deportation

 Auch Göppingen stand stark unter dem Einfluss des Nationalismus. Das Leben der jüdischen Bevölkerung änderte sich grundlegend. An den meisten Ladentüren war zu lesen: “Juden sind hier unerwünscht!“ auf der Straße wurden sie beschimpft, an ein halbwegs normales Leben war nicht zu denken. Die drei älteren Geschwister konnte 1938 mit Kinderhilfstransporten nach England in Sicherheit gebracht werden. Am 28.11.1941 wurden Julius Fleischer, seine Frau Irma und der 14-jährige Richard verhaftet und nach einer Nacht in der Schiller-Realschule „wie Hunde ohne Bett und Bettzeug“ nach Stuttgart ins Sammellager auf den Killesberg gebracht. Von hier aus wurden sie am 1.Dezember nach Riga ins Lager Jungfernhof gebracht. Richard Fleischer beschreibt in späteren Briefen die Umstände des Transports und des Aufenthalts im KZ. Drei Tage und drei Nächte wurden sie in ungeheizten Wagons transportiert und wie Vieh behandelt. Bei -40 Grad wurden die Gefangenen hungernd auf engem Raum im Lager zusammengepfercht und mussten mit ansehen wie andere Unschuldige gewaltvoll ermordet wurden. Julius Fleischer erfror am 26.Februar 1942 auf dem Jungfernhof. Seine Frau Irma wurde ungefähr einen Monat später  in einem LKW abtransportiert und vermutlich im Wald erschossen.

Daniela Eichhorn, Anke Dürr, Luca Schmidt, Corinna Wolf, Klasse 9d

  Der junge Richard erlebte drei Jahre des Grauens: Schläge, Hunger, Durst und Schwerstarbeit in verschiedenen Lagern. 1945 wurde er mit anderen Juden ins Lager Lauenburg getrieben, wo sie blieben bis sie am 10.März 1945 von den Russen befreit wurden. Er wog noch 35 kg. Er wandert nach Kanada aus.

Louis Mayer, Klasse 9b

  

Gedanken zur Einsetzung der Stolpersteine

 Die Geschichte dieser Menschen die soviel Leiden mussten und unschuldig starben, hat mich von Anfang an sehr getroffen. Jedoch vom Leid eines einzelnen dieser Menschen zu erfahren war noch viel bewegender.Vielleicht hat mich das Leid der Juden auch so sehr getroffen, weil ich selber aus dem semitischen Volk stamme. Aber eine solche Tat auf einem Menschen, egal aus welchem Volk oder welcher Rasse er stammt, auszuüben ist allgemein nicht nachvollziehbar.Ich wünsche, dass die Versöhnung stets einen festen Halt findet, und sich eine solche Tat nirgendwo mehr wiederholt.

Rebecca Ahrun, Klasse 9a

  Warum setzen wir heute einen Stolperstein, für zwei Menschen, die schon vor über einem halben Jahrhundert ihr Leben gelassen haben?Wir tun es, weil diese Menschen zwei unter vielen waren, die diese Zeit, die nicht hätte dunkler sein können, verfolgt gequält gedemütigt und schließlich ermordet wurde.Weil sich uns bis heute die Frage stellt, wie es soweit kommen konnte, dass Menschen andere, oftmals sogar Freunde und Bekannte, verraten und umgebracht haben, nur weil diese anders waren.Und vor allem tun wir das, weil wir eine klare Stellung zu nationalsozialistischem Gedankengut beziehen wollen und zu dem, was damals geschah.Wir freuen uns heute bei der Setzung dieses Denkmals dabei zu sein, da es an diesen dunklen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte erinnern soll, denn Vergessen würde bedeuten keinen Stolperstein, sondern den Grundstein zur Wiederholung, zu einer möglichen Wiederholung zu setzen. 

Daniela Eichhorn, Anke Dürr, Luca Schmidt, Corinna Wolf, Klasse 9d

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