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Rabbiner Dr. Aron Tänzer

Ankunft am Göppinger Bahnhof

Am 1. September 1907 trat Dr. Aron Tänzer seine neue Stelle an. Er übernahm das Rabbinat in Göppingen. An seiner Seite war seine Familie. Seine Frau Leonore Rosa, geb. Handler, mit der er seit elf Jahren verheiratet war und die vier gemeinsamen Kinder: der älteste Sohn Paul war damals zehn Jahre alt, sein Bruder Fritz, ein Jahr jünger, dann das Mädchen Irene mit sechs Jahren und der kleinste der Familie, gerade ein Jahr alt, der Sohn Hugo.

Was hatte Dr. Aron Tänzer bewogen, nach Göppingen umzuziehen? Dr. Tänzer hatte, nachdem er mehrere Jahre als Rabbiner für Tirol und Vorarlberg in Hohenems gewirkt hatte, 1905 eine Stelle in Meran angetreten. Er hätte diese Stelle in Meran sicherlich nicht angenommen, wenn er gewusst hätte, dass es zu Streitigkeiten kommen würde. Nämlich, ob der Sitz des Bezirks-Rabbinats aller Juden von Tirol und Vorarlberg nach Meran verlegt werden – oder ob dieser Sitz in Hohenems bleiben sollte. Dr. Aron Tänzer war davon ausgegangen, dass Meran der neue Sitz des Bezirks-Rabbinats werden würde. Doch es kam anders: die vakante Stelle in Hohenems wurde mit einem neuen Rabbiner besetzt. Damit wurde die Anstellung Dr. Aron Tänzers in Meran mehr als fraglich – zwei Rabbiner brauchte man nicht! Das hieß im Klartext, er musste sich nach einer neuen Rabbinatsstelle umsehen. In Göppingen war solch eine Stelle im Herbst 1906 frei geworden. Sein Vorgänger Rabbiner Jesaia Straßburger hatte nach Ulm gewechselt. Zwei Voraussetzungen musste Dr. Aron Tänzer erfüllen, um hier in Göppingen sein Amt antreten zu können. Er hatte die Zweite Theologische Dienstprüfung zu machen, um seine Aufgaben als Religionslehrer, und -vermittler in Württemberg ausüben zu können. Und er hatte den Antrag zu stellen, württembergischer Staatsbürger zu werden.

Dr. Tänzer und seine Familie hatten die Kurstadt Meran mit Laubengängen, noblen Hotels und hochkarätigen Gästen verlassen. So weilte Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn ab 1870 mehrmals in Meran. Zahlreiche Adelige wie Schriftsteller und Musiker unter anderem Arthur Schnitzler, Sigmund Freud, Christian Morgenstern, Clara Schumann, Edvard Grieg und viele mehr waren Gäste in diesem Ort. Wie gegensätzlich präsentierte sich Göppingen! Eine aufstrebende Industriestadt, eine Stadt mit über 20.000 Einwohnern  und  ungefähr 50 Firmen, die  mehr als 25 Arbeitsplätze hatten. Mit Stolz zeigte man auf einer Postkarte von 1898 den industriellen Reichtum der Stadt mit seinen unzähligen Kaminen und verwies auf das Kurbad bzw. genauer gesagt, auf das „Heilbad Christophsbad“ mit dem gesundheitsfördernden Sauerwasser. Wie eng der wirtschaftliche Erfolg mit den jüdischen Bewohnern verzahnt war, zeigt die Abbildung der Synagoge auf der Postkarte. Es lebten im Jahr 1905 160 männliche und 167 weibliche Israeliten hier in dieser Stadt. Dr. Aron Tänzer traf demnach auf eine jüdische Gemeinde mit ungefähr 310 bis 330 Personen, das entsprach ca.1,6 % der Stadtbevölkerung.

Bedeutende Bürger und Bürgerinnen der jüdischen Gemeinde wohnten hier direkt am Bahnhof. Die Familie Gutmann, die 1865 ihr Anwesen als Wohn- und Fabrikgebäude mit klassizistischen Stuckelementen erbauen ließ – es gehört heute zu den bedeutendsten gründerzeitlichen Bauten in Göppingen. Im Jahr 1907 wurde das Gebäude nur noch für Wohnzwecke und Büroräume genutzt und zwar von Leopold Gutmann und seiner Familie. Leopold Gutmann war der Sohn des Firmengründers Abraham Gutmann. Nach dessen Tod führte er zusammen mit seinem Bruder, und den Söhnen der beiden Familien erfolgreich die Firma weiter und zwar als „Baumwollweberei und -spinnerei Gutmann“. Sie expandierten,  gründeten mehrere neue Firmenstandorte, u. a. an der Fils in Richtung Eislingen, und schufen damit ein Firmenimperium, das vielen Menschen im Kreis Göppingen einen guten und sicheren Arbeitsplatz bot.                                                                                                    

Doch nicht nur wirtschaftlicher Erfolg zeichnete diese Familie aus. Die Unternehmer engagierten sich auch in Vereinen und in der Politik. Als Beispiel möchte ich Leopold A. Gutmann nennen, der den Verein „Merkuria“ mitgegründet hatte, in dem sich junge Kaufleute aller Konfessionen zweimal die Woche treffen konnten. Er war im Vorstand des Göppinger Handels- und Gewerbevereins, war sechs Jahre – bis zu seinem Tod – als Mitglied der Volkspartei im Göppinger Gemeinderat. Für seine Wohltätigkeiten und Stiftungen, die er unterstützte, wurde ihm vom Württembergischen König 1898 der Ehrentitel „Kommerzienrat“ verliehen. Nur vier Monate durfte Dr. Tänzer ihn kennen lernen, da er im Januar 1908 starb. Sein früher Tod mit 53 Jahren löste nicht nur bei der jüdischen Gemeinde Trauer aus, sondern auch bei vielen Christen. Dr. Aron Tänzer schilderte ihn als einen gläubigen Menschen und hochherzigen Gönner und Förderer, „der gab, gerne gab, viel gab, im Geheimen gab und am glücklichsten dann war, wenn man ihn als Geber nicht einmal ahnte“.

Eine weitere wichtige Familie der jüdischen Gemeinde lernte die Familie Tänzer am Bahnhofsplatz kennen. Wie die Familie Gutmann war die Familie Dettelbacher Einwohner Jebenhausens gewesen. Sie haben als Vieh- und Pferdehändler, als Wirtsleute und Metzger ihr Geld verdient. 1862 kaufte Meier Dettelbacher ein Haus direkt am Bahnhof und eröffnete eine koschere Metzgerei. Nach gut zehn Jahren ließ er das Gebäude abreißen und ersetzte es durch ein größeres. Neben der ursprünglichen Metzgerei konnte Herr Dettelbacher nun auch einen Restaurationsbetrieb eröffnen und Gästezimmer anbieten, sowie einen Saal für größere Veranstaltungen. Meier Dettelbacher hatte mit seiner Frau acht Töchter und zwei Söhne. Nach dem Tod der Eltern betrieben drei ihrer Töchter, die unverheiratet blieben, das Hotel und Restaurant, das bei der jüdischen Gemeinde Göppingens sehr beliebt war. Viele Feste, Theateraufführungen etc. fanden dort statt. Auch nichtjüdische Gäste schätzten das Angebot der Restauration. Der gute Ruf des Hauses ging weit über die Stadtgrenzen hinaus. Doch noch etwas ist hervorzuheben: Die Musikalität der Töchter, besonders von Frida, eine der Wirtinnen. Sie hatte über acht Jahre das Amt als Organistin in der Synagoge inne. Sie nahm diese Aufgabe als junge Frau mit 20 Jahren an! Und das in einer Synagoge! Das kam damals einer kleinen „Kulturrevolution“ gleich. Denn der jüdischen Tradition entsprechend gibt es kein Musikinstrument in einer Synagoge, nur den Vorsänger. In der  Göppinger Synagoge, wie in vielen reformierten Gemeinden, gab es eine Orgel, was vielen orthodoxen Gläubigen nicht gefiel.  Zuletzt führte diese Tochter Frida allein den Betrieb und wird Dr. Aron Tänzer und seine Familie wie all die anderen Gäste gut bewirtet haben. Bis 1936, dann ging sie mit 68 Jahren – gezwungenermaßen – in den Ruhestand. Im gleichen Jahr wurde das Hotel von der Göppinger jüdischen Gemeinde gepachtet. Es wurde offiziell zum „Gemeindehaus“, zum Treffpunkt für die ausgegrenzten jüdischen Bewohner, denen es ab dem Jahr 1935 aufgrund der judenfeindlichen Gesetze der Nazis verboten war, sich in den von Christen geführten Gasthäusern aufzuhalten, an deren Eingang das Schild angebracht war: „Juden sind hier unerwünscht!“  Im März 1939 wurde Frida Dettelbacher von der Stadt Göppingen zum Verkauf gezwungen. Fünf Monate später nach der „Arisierung“ ließen die Nationalsozialisten das Gebäude abreißen. Frida Dettelbacher starb 1942 in einem Zwangsaltenheim.

Herkunft und Ausbildung von Dr. Tänzer

Aron Tänzer wurde am 30. Januar 1871 in Pressburg geboren. Damals gehörte Pressburg zum Königreich Ungarn und war bis 1918 Teil des Staatengebildes Österreich-Ungarn. Heute heißt die Stadt Bratislava und ist die Hauptstadt der Slowakei. Um sich ein Bild von der Stadt damals zu machen, einige Zahlen: 1901 hatte Pressburg 65.000 Einwohner, davon ungefähr 33.000 Deutsche, ca. 20.000 Magyaren ungarischen Ursprungs, ungefähr 11.000 Slowaken und um die 7000 Israeliten. Eine Stadt mit vielen verschiedenen gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Einflüssen. Aron Tänzer wuchs in der dortigen Judengasse auf. Diese Straße hatte zwei Gesichter: auf der einen Seite „respektable dreistöckige Stadthäuser“, auf der anderen „armselige, kaum einstöckige Dorfhäuschen“. In einem der kleinen Häuschen wurde er geboren, dort lebte seine Mutter. Tagsüber war er im Haus seiner Großmutter mütterlicherseits, die unweit von ihnen wohnte. Seinen Vater hatte Aron Tänzer nie kennen gelernt, denn seine Eltern ließen sich kurz nach seiner Geburt scheiden. Er wuchs als Einzelkind auf. Oft fühlte er sich einsam. Seine Mutter arbeitete als Weißnäherin für die Pressburger jüdische Bevölkerung. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der vaterlosen Familie waren mehr als bescheiden. Aron Tänzer hat seine Mutter als eine sehr verantwortungsbewusste, aber strenge Person in Erinnerung behalten. Bis zum Alter von zweieinhalb Jahren war er in der Obhut seiner Großmutter, dann gab ihn seine Mutter in die israelitische Kinderbewahranstalt. Es fiel auf, dass Aron unheimlich begabt und lernbegierig war. Seine Mutter begann ihn im Alter von dreieinviertel Jahren zu unterrichten, und zwar im Hebräisch lesen, Deutsch lesen und Deutsch schreiben. Abends nach ihrer Arbeit zwischen 20.30 Uhr und manchmal bis 23 Uhr saßen sie und der Kleine und lernten. Nur am Freitagabend fiel der Unterricht aus. Da ging seine Mutter ins deutsche Stadttheater. Und an diesem Ereignis wollte auch der fünfjährige Aron teilhaben und schlich sich einmal als „blinder Passagier“ in die Vorstellung, dies berichtet Aron Tänzer in seinen Erinnerungen. Es ist nicht verwunderlich, dass Aron Tänzers ungewöhnliche Auffassungsgabe und Talente auffielen und er als „Wunderknabe“ bezeichnet wurde.                                                             Er besuchte zunächst die Volks-und Mittelschule, gleichzeitig die Vorschule der Rabbinatshochschule und anschließend diese Hochschule. Diese Rabbinerbildungsanstalt in Pressburg war eine der bedeutendsten in Ungarn.  Leider war bittere Armut Aron Tänzers ständiger Begleiter in den nächsten Jahren. Eine Biografin schreibt über diese Zeit, dass er als Rabbinatsschüler die jüdischen Ferien, Nissan im Frühjahr und Elul im Herbst nutzen musste, um in der Umgebung „sich den notwendigen Lebensunterhalt zu erbetteln“.  Seine Mutter konnte für die anfallenden Schulgebühren mit Mühe und Not aufkommen. Das spornte den begabten Jungen an. Seine außerordentliche Begabung bewunderten auch seine ehemaligen Mitschüler. Mit 18 Jahren hat er eine in hochdeutscher Sprache verfasste Predigt vorgetragen, die nicht nur klar gegliedert war, sondern auch in ihrer Anschaulichkeit und Lebendigkeit den Zuhörern in Erinnerung blieb. Aron Tänzer war ein begnadeter Texteschreiber. Gerne wäre er Schauspieler geworden. Doch dieser Berufswunsch blieb unerfüllt aufgrund seiner schlechten finanziellen Ausgangssituation. Ganz hatte er diesen Traum nie begraben – doch dazu später.

Mit 21 Jahren ging er zum Studium an die Königliche Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin. Die Armut blieb auch hier sein größtes Problem. Oft waren Heringsschwänze seine einzige Tagesmahlzeit. Er schrieb sich in den Studienfächern Philosophie, Germanistik, Semitische Philologie und Geschichte ein. Semitische Philologie befasst sich mit der Erforschung der semitischen Sprachen und Kulturen vom Beginn der schriftlichen Überlieferungen rund 2500 v. Chr. bis zur Gegenwart. Das zeigt, Aron Tänzers Interessen waren weit gestreut. Er befasste sich während seiner zwei Studienjahre mit Goethe, besonders mit seinem Werk „Faust“. Den größten Einfluss auf Aron Tänzer hatte Professor Moriz Lazarus, eine führende Persönlichkeit des deutschen Judentums und der Mitinitiator der so genannten Völkerpsychologie. Die Völkerpsychologie hatte zum Ziel, gesellschaftliche und geschichtliche Dimensionen in die psychologische Wissenschaft mit einzubeziehen. Man ging davon aus, dass unter dem Begriff „Volksgeist“ ein überindividuelles, historisch sich entwickelndes System von Anschauungen, Vorstellungen und Begriffen zu verstehen ist. Von Berlin wechselte Aron Tänzer nach Bern in der Schweiz und machte dort nach einem Jahr in den Fächern Philosophie, Semitische Philologie und Geschichte seinen Studienabschluss. Wenige Monate danach, im Sommer 1895, promovierte er über ein theologisch-philosophisches Thema. Er befasste sich mit der Ideenwelt des spätmittelalterlichen Religionswissenschaftlers Josef Albo (1381 - 1445) einem jüdischen Religionsphilosophen aus Spanien. Sein Examen an der Philosophischen Fakultät wurde mit der Bewertung „cum laude“ ausgezeichnet.

Nach dem Universitätsbesuch entschied er sich, Rabbiner zu werden. In der damaligen preußischen Provinz Posen (heute: Polen/Poznan) wurde ihm das Rabbinerdiplom ausgestellt, das er in hebräischer und deutscher Sprache abgelegte. Dann begann ein Wanderjahr. Zunächst zog er nach Fogaras bei Kronstadt im ungarischen Siebenbürgen (heute: Rumänien), dann nach Butschatsch im damals österreichischen Galizien (Butschatsch ist heute ein Ort in der Ukraine) und eine weitere Station war Totis in Ungarn (heute: Tata in Ungarn). Auf der Suche nach einer festen Anstellung als Rabbiner ist er hier zumindest in den Hafen der Ehe eingelaufen. Er heiratete die Tochter des dort tätigen Rabbiners, Eleonora Rosa Handler, am 2. Juni 1896. Und auch beruflich konnte er sich „verankern“. Er wurde hier als Subrabbiner an der Seite seines Schwiegervaters Mark Handler tätig. Wie man sich vorstellen kann, für den geistig regen Mann wie Aron Tänzer war dies auf Dauer keine Lösung. Vorausschauend hatte er in Butschatsch die österreichische Staatsbürgerschaft erworben, so dass er sich auf eine freie Rabbinatsstelle in Hohenems bei Bregenz bewerben konnte.

Rabbiner Dr. Aron Tänzer

In Hohenems wirkte Dr. Aron Tänzer bis 1905. Neben seiner Tätigkeit als Seelsorger veröffentlichte er in diesen neun Jahren zahlreiche Publikationen. Dazu gehörte sein Aufsatz „Die Stellung der Frau im Judentum“ (1901) und was von besonderem Interesse für die lokale und regionale Geschichte war, sein Buch mit über 800 Seiten über „Die Geschichte der Juden in Hohenems“. Er hielt in dieser Zeit mehr als 170 Vorträge, beschäftigte sich als Mitglied des Verschönerungsvereins mit Hohenems und seiner Umgebung und gab die Broschüre „Die Pfarrkirche in Hohenems“ (1904) heraus. Nach seinem Weggang hatte er nicht nur tiefe Wurzeln in der jüdischen Gemeinde geschlagen, sondern auch unter der nichtjüdischen Bevölkerung viel Anerkennung erworben. Und so konnte der Bürgermeister von 1971 in der Neuauflage der Geschichte der Juden in Hohenems darauf hinweisen, dass sich immer noch Hohenemser Bürger und Bürgerinnen „des edlen und hochgebildeten Menschen Rabbiner Dr. Aron Tänzer erinnern“.

Von Hohenems bewarb sich Dr. Aron Tänzer nach Meran aus den oben genannten Gründen und dann nach Göppingen. Welche Aufgaben hat ein Rabbiner zu erfüllen? Zu seinen vorrangigen Aufgaben gehört, die Übernahme der Gottesdienste an Werk-, Sabbat- und Festtagen, die Vorlesung deutscher Gebete und das Lesen der Thora in hebräischer Sprache in einer Art Sprechgesang, und natürlich gehört die Predigt zu den Aufgaben des Rabbiners, der Vortrag und die Auslegung eines bestimmten Abschnitts aus der Thora. Falls der Kantor, der als Vorbeter in einem jüdischen Gottesdienst von großer Bedeutung ist, verhindert ist, hat der Rabbiner seine Aufgabe zu übernehmen. In engen Kontakt tritt der jüdische Geistliche mit seinen Gemeindemitgliedern, wenn er zwei Menschen traut, wenn die Beschneidung eines acht Tage alten Jungens durchgeführt wird (wobei die Beschneidung durch einen ausgebildeten Beschneider, meist Arzt, ausgeführt wird) und wenn am ersten Sabbat nach der Geburt eines Mädchens der Segen für das Kind und die Mutter ausgesprochen wird. Ähnlich wie im Christentum erhalten die Mädchen mit zwölf Jahren bei der Bat Mizwa Feier, die Jungen bei der Bar Mizwa mit 13 Jahren die religiöse Mündigkeit, nachdem sie von ihrem Rabbiner in ihre zukünftigen Pflichten eingewiesen wurden.Bat Mizwa gehört nicht zur orthodoxen Tradition, es ist eine Übernahme von christlichen Elementen ins Judentum. Deren Feier führte Dr. Aron Tänzer 1931 oder 1932 durch wie ein Foto belegt. Weiter gehört zu den Aufgaben des Rabbiners, die Schwerkranken seiner Gemeinde zu betreuen und die Trauerfeierlichkeiten durchzuführen. Was Aron Tänzer auszeichnete, war seine Begabung, die Predigten, seine Aufgaben als geistlicher Lehrer und Begleiter anschaulich und anregend zu gestalten. Nach dem Gottesdienst am Freitagabend, war es bei den jüdischen Gemeindemitgliedern üblich, sich gegenseitig zu besuchen. Beim gemeinsamen Mahl, so erinnerte sich Lilo Guggenheim, ehemalige jüdische Bürgerin aus Göppingen, führte man lebhafte Gespräche, angeregt durch die mitreißenden Predigten des Rabbiners Dr. Aron Tänzer. Lilo, die sich selbst als wenig ernsthafte Schülerin bezeichnete, folgte seinen Ausführungen mit großer Aufmerksamkeit. Wie sich später zeigte, konnte Dr. Tänzer nicht nur jüdische Gemeindemitglieder und Kinder mit seinen Vorträgen fesseln, auch christliche Schülerinnen folgten ihm gebannt.                                                                                           Dr. Aron Tänzer hatte sich auf seinen Lebensstationen vielen kulturellen Einflüssen geöffnet. Die multikulturelle Stadt Pressburg, in der er die streng orthodoxe Rabbinerschule durchlaufen, aber auch mit großer Begeisterung die Vorstellungen des deutschen Theaters besucht hatte. Im preußischen Berlin hatte er an der Universität die Fülle an Erkenntnissen von herausragenden Wissenschaftlern aufgesogen und sich damit auseinandergesetzt. Diese Erfahrungen hatten aus dem überaus begabten Jungen einen Mann gemacht, der offen und engagiert sich für alles Neue interessierte. Das Fundament seiner Persönlichkeit aber war die jüdische Religion, geprägt von seiner Erziehung im orthodoxen Glauben, in dem er besonders nach den antisemitischen Entwicklungen in Deutschland seinen Rückhalt fand.                     Bei Dr. Aron Tänzers Antritt in Göppingen gab es in der Synagoge eine Orgel, die bespielt wurde. Der Einsatz eines Instruments in der Synagoge ist ein Beispiel, wie eine jüdische Gemeinde sich in Vielem der Mehrheitsgesellschaft anpasste und auch in religiösen Dingen Rituale und Ausdrucksformen der christlichen Kultur übernahm. Viele israelitische Religionsangehörige gingen nach der einsetzenden Juden-Emanzipation Mitte des 19. Jahrhunderts diesen Weg. Sie strebten nicht zuletzt deshalb eine völlige Eingliederung in die Gesellschaft an, in der sie lebten, um anerkannte Staatsbürger zu werden. Auch Dr. Aron Tänzer war erfüllt von der Vision, alles zu tun, um sich im Alltag ein- und anzupassen und sich nur im Glauben von seinen christlichen Mitbürgern zu unterscheiden. Er öffnete die Synagoge für Konzerte für jüdische und christliche Musikfreund*innen. In der hohen Kuppel des Gotteshauses konnte sich der Klang der Instrumente entfalten. 1929 – es kam einer Sensation gleich –  fand hier ein Konzert statt, das überhaupt erstmals live aus einer Synagoge im Rundfunk übertragen wurde.

Dr. Aron Tänzer und seine Familie

Neben der Synagoge steht das Rabbinerhaus, in das die Familie Tänzer einzog. Das Haus war von einem Weinhändler 1880 erbaut worden – fast im selben Jahr wie die Synagoge. 1908 konnte es die jüdische Gemeinde erwerben. In der Reichspogromnacht 1938 setzte die SA mit Hilfe von mit Benzin getränkten Strohballen das Gotteshaus in Brand. Die Feuersbrunst ließ das Dach der Synagoge einbrechen. Das Rabbinerhaus war in großer Gefahr. Weil man einen Übergriff der Flammen auf die dahinter liegenden Gebäude, die heutige Uhlandschule und das Feuerwehrmagazin fürchtete, hat man das Rabbinerhaus geschützt. Ein Glück war, dass es damals unbewohnt war. Dr. Luitpold Wallach, Aron Tänzers Nachfolger als Rabbiner hatte sich andernorts eine Wohnung gesucht. Sehr wahrscheinlich wurde das Rabbinerhaus damals noch als Schulraum für die Jüdische Schule genutzt. Heute ist das Kulturamt in diesem Haus untergebracht.

Im Erdgeschoss des Rabbinerhauses lebten im Jahr 1908 der Kantor Carl Bodenheimer und seine Familie. Er muss ein begnadeter Sänger gewesen sein, dessen Stimme nicht nur die jüdischen Gottesdienste bereicherte, sondern auch in den künstlerischen Vereinen der Stadt hochgelobt wurde.                                                                                                                                        Die Familie Tänzer wohnte im ersten Stock und Dachgeschoss. In einem der großen Zimmer war das Arbeitszimmer Dr. Tänzers untergebracht. Wahrscheinlich schliefen die drei Jungens Paul, Fritz und Hugo zusammen in einem Zimmer. Es ist anzunehmen, dass Irene, die Tochter, ein Reich für sich hatte, denn kleine Nebenräume gibt es in diesem Haus mehrere. Genau fünf Jahre nach der Ankunft der Familie Tänzer in Göppingen starb Leonora Rosa Tänzer mit 37 Jahren an den Folgen einer Operation. Wer konnte sich nun um den 15 jährigen Paul, den ein Jahr jüngeren Fritz, den kleinen Sohn Hugo mit sieben Jahren und die Tochter Irene, zehn Jahre, kümmern? Wie damals üblich, suchte man für den Mann die passende Frau, die sich des Haushalts und der Kinder annehmen sollte. Die jüdischen Gemeinden standen miteinander in Verbindung und konnten vermitteln. Im Odenwald, in einer kleinen Gemeinde, fand man die geeignete Frau mit Namen Bertha, geborene Strauß. Bertha hatte als jüngste von fünf Geschwistern die Aufgabe übernommen, die Eltern bis zu ihrem Tod – beide starben 1910 – zu pflegen. Nun war sie Mitte 30 und frei von Verpflichtungen. Wie sich herausstellte, war Bertha nicht nur die geeignete Frau, um die Aufgaben als Mutter für die Kinder mit Empathie zu erfüllen, sondern auch eine Frau, die mit Aron Tänzer eine glückliche, harmonische Beziehung führen sollte. 1913 heirateten sie. Zwei Kinder wurden geboren, Erwin 1914 und Ilse 1915. Neben seinem ausgefüllten Berufsleben spielte die Familie für Dr. Tänzer eine große Rolle. Auf seinem Schreibtisch standen neben den Büchern und Manuskripten, Bilder von Menschen, die ihm wichtig waren, in der Hauptsache Fotografien seiner Kinder. Mit Freude und väterlichen Stolz verfolgte er ihre Entwicklung. Über Jahre führte er Tagebuch, um insbesondere seinen Kindern seine Erfahrungen, seine Erinnerungen mitzuteilen. Aus diesen Tagebüchern bekamen sie Einblick in seine entbehrungsreiche Kindheit und Jugend. Er wollte ihnen ein guter, vorbildhafter Vater sein – einen Vater, den er in seiner Kindheit und Jugend wahrscheinlich vermisst hatte.                                                                        Ein Foto im heutigen Kulturamt zeigt die Familie 1927 beim Bar Mizwa Fest von Erwin. Der älteste Sohn Paul (1897 – 1945) wurde Rechtsanwalt. Er hatte seine Dissertation über die Rechtsgeschichte der Juden in Württemberg geschrieben und war in der Zionistischen Bewegung in Göppingen aktiv. Pauls Kenntnisse und Beziehungen halfen seinen Geschwistern und Stiefgeschwistern Deutschland nach 1933 zu verlassen. Er selbst konnte mit seiner Frau über die Schweiz 1938 nach Palästina emigrieren. 1943 eröffnete er dort eine Kanzlei. Der zweite Sohn Fritz (1898 – 1974) arbeitete als Kaufmann und emigrierte 1937 mit seiner Frau nach Palästina. Sie haben einen Sohn mit Namen Uri, 1938 geboren. Uri ist heute über 80 Jahre alt und für Göppingen ein wertvoller Gesprächspartner, der immer bereit ist, Fragen zu seiner Familie zu beantworten. Er selber litt unter der Entscheidung seiner Eltern, 1948 Palästina zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Uri Tänzer hat sowohl das Jüdische Museum in Hohenems wie auch in Göppingen-Jebenhausen mehrmals besucht und für diese Museen großzügig gespendet. Altersmäßig die dritte, die Tochter Irene (1901 – 1975), die mit ihrem kleinen zweijährigen Sohn Frank auf dem Foto abgebildet ist, war mit einem Ungarn verheiratet und lebte während der Kriegszeit in Budapest. Frank Szasz hat ein Porträt seines Großvaters gemalt, das im Jüdischen Museum Göppingen-Jebenhausen hängt. Er war während des Ungarn Aufstands 1956 nach Amerika emigriert. Dort wurde er ein anerkannter Kunstmaler, vor allem als Porträtist machte er sich einen Namen. Irene lebte bis 1973 in Ungarn, dann holte sie ihr Sohn nach Amerika. Traurig ist das Schicksal von Hugo (1906 – 1938). Zunächst, um dem Naziregime in Deutschland zu entkommen, zog er 1934 nach Wien. Dort heiratete er eine Christin – ein Rabbinersohn heiratet eine Christin! Doch  Dr. Aron Tänzer gab sein Einverständnis, hat sie in sein Herz und seine Arme geschlossen. Alle in der Familie waren ihr zugetan. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das NS Deutschland floh Hugo mit seiner jungen Frau nach Palästina. Kaum dort angekommen, starb er mit 32 Jahren an einem Herzinfarkt. Seine Frau ging zurück nach Wien und blieb eine wichtige Kontaktperson für die auseinandergerissene Familie in der Zeit des Zweiten Weltkriegs.                                                                                                                                  Erwin (1914 – 2007), der Sohn aus zweiter Ehe, konnte mithilfe seines Bruders Paul 1937 nach Amerika emigrieren.  Die ein Jahr jüngere Tochter Ilse (1915 – 1979) verließ Deutschland noch zu Dr. Aron Tänzers Lebzeiten. Sie ging schon 1933 zur Ausbildung nach London, erhielt ein Stipendium an der dortigen Kunsthochschule und heiratete in England. Mit ihrem Mann wanderte sie nach Australien aus.                                                                          Und Bertha Tänzer (1876 – 1943)? Ihr Schicksal können wir anhand ihrer 257 Briefe verfolgen, die sie an ihre Kinder nach dem Tod ihres Mannes im Februar 1937 schrieb. In einem Brief an ihre Tochter charakterisiert sich Bertha Tänzer als „Hausmutterle, ein bescheidenes, hausbackenes Mutterle“. Doch wie die Lektüre ihrer Briefe zeigt: Sie war darüber hinaus eine warmherzige Frau, die ihre eigenen Ängste und Bedürfnisse zurückstellte, um anderen nicht zur Last zu fallen. Sie setzte sich für die Ideale ihres Mannes ein, unterstützte die Auswanderungspläne der sechs Kinder und verfolgte mit Empathie und helfendem Einsatz die Schicksale ihrer jüdischen Mitbürger und Mitbürgerinnen. Bertha Tänzer war im September 1943 im KZ Theresienstadt „unter elendiglichen Umständen verhungert“.

Gründer der Göppinger Stadtbibliothek, Wissenschaftler, Journalist, Lokalhistoriker und Literat

Im Adelberger Kornhaus, eines der ältesten Gebäude Göppingens, ist Dr. Aron Tänzer eine große Bronzetafel gewidmet, gestaltet vom Adelberger Künstler Hans Nübold. Seit Oktober 1984 erinnert man hier an ihn, den Begründer der Göppinger Stadtbibliothek. Was mag Dr. Aron Tänzer bewogen haben, neben dem immensen Pensum seiner Aufgaben und Interessen, sich dieser Arbeit ehrenamtlich anzunehmen? Zwar gehörte zu den Aufgaben eines Rabbiners, bei den kulturellen Anliegen seines Einsatzortes mitzuwirken. Doch sein Engagement im kulturellen Bereich überstieg alle Erwartungen. Vor seinem Antritt in Göppingen gab es schon eine so genannte Volksbibliothek. Deren Angebote genügte nicht dem Anspruch zahlreicher gebildeter Bürger der Stadt – und selbstverständlich auch nicht Dr. Aron Tänzer. Von klein auf zeigte er Interesse am Theater, begeisterte ihn hochwertige, deutsche Literatur. Er hatte in Berlin das Studienfach Germanistik belegt und sich eingehend mit Goethes Werken beschäftigt. Mit seinem reichen Wissensschatz war er ein wirklicher Gewinn für die Göppinger Kultur. Im April 1910 hielt er einen Vortrag zu dem Thema „Volksbildung und Volksvergiftung“ vor dem „Komitee zur Bekämpfung von Schundliteratur und zur Errichtung einer freien öffentlichen Bibliothek in Göppingen“. Diese Bewegung gegen Schmutz und Schund in der Literatur, die es in ganz Deutschland gab, hatte sich 1909 in Göppingen konstituiert. Der Abend endete mit einem Aufruf, Bücher und Geld zu spenden. Und Dr. Tänzer nahm den Auftrag an, die Verantwortung für den Aufbau einer Bibliothek zu übernehmen. Er stürzte sich in die Arbeit. Rund 1000 Bücher, die gespendet worden waren, ordnete, sichtete und katalogisierte er in einem Zimmer seiner Wohnung. Er erstellte einen Plan zur Organisation, wie die Ausleihe erfolgen sollte. Nach zwei Jahren Arbeit erklärte er die Bibliothek als benutzbar. 1912 fand die Gründungsfeier der Göppinger Stadtbibliothek in einem Zimmer des Rathauses statt, ein Jahr später zog sie ins Gebäude der Höheren Knabenschule an der Ecke Schul/Kirchstraße. Die Göppinger nahmen begeistert das Ausleihe Angebot an, die Bücher fanden Anklang, erfreulicherweise auch bei den Jugendlichen aus dem „Arbeiterstande“, wie Dr. Aron Tänzer in seinem ersten Bericht vor dem Gemeinderat feststellte. Er führte diese ehrenamtliche Tätigkeit mit Enthusiasmus aus, denn er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, die Menschen an gute, geistesbildende Literatur heranzuführen. Er verehrte die Werke der großen deutschen Schriftsteller, die Kultur Deutschlands band ihn an dieses Land. Bis 1915 betreute er die Bibliothek, dann kam eine Zäsur ausgelöst durch den Ersten Weltkrieg. Und danach? Die Bücher waren eingelagert worden. 1925 sollte eine Neueröffnung erfolgen. Erneut erstellte Dr. Tänzer einen Katalog der Bibliothek, deren Bestand auf zweieinhalbtausend Bücher angewachsen war. Die Eröffnung verzögerte sich und Dr. Tänzer gab 1926 bekannt, von seinem Ehrenamt zurückzutreten. Es mag nicht nur sein schlechter Gesundheitszustand ihn zu diesem Schritt bewogen haben. Auch der zunehmende Einfluss des Landesausschusses für volkstümliches Büchereiwesen, der deutsch-nationale und volkstümelnde Werke empfahl, verletzte ihn zusehends. Außerdem sah er sich seit 1922, anerkanntes und aktives Mitglied der Stadt, freiwilliger Kriegsteilnehmer im Ersten Weltkrieg, dem aufkommenden Judenhass ausgesetzt.

Auch in anderen Bereichen seiner volksbildnerischen Tätigkeiten wurde er aufgrund seiner Konfession immer mehr ausgegrenzt. Als Mitglied des „Vereins für Kunst und Wissenschaft“ hielt er ab 1921 Vortragsreihen über Philosophie und Weltanschauungen. Bis Mitte der 1920er Jahre konnte er den Vortragssaal im Hotel Apostel „spielend“ füllen. Bis 150 Teilnehmer*innen kamen, um seine Ausführungen unter anderen zu Nietzsche zu hören. Dann ab dem Wintersemester 1927/28 änderte der Verein seine Struktur, statt Vorträge über hochstehende, wissenschaftliche Themen wurden dem Publikum Referate angeboten, dessen Inhalt im Anschluss in Arbeitsgemeinschaften diskutiert werden sollten. Ein solch beredter Referent wie Dr. Aron Tänzer war nicht mehr gefragt. Die Ausgrenzung bekam er auch als Redakteur zu spüren. Seine Aufsätze über wissenschaftliche Erkenntnisse, die er zum Teil in Fachzeitschriften oder Tageszeitungen veröffentlicht hatte, wurden wie die Arbeiten anderer jüdischer Autoren vermehrt nicht mehr gedruckt. Er war im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit zwischen 1910 und 1914 als Redakteur für die Straßburger Israelitische Wochenzeitschrift tätig gewesen, außerdem schrieb er Beiträge für das Israelitische Familienblatt und die Allgemeine Zeitung des Judentums. Auch als Übersetzer deutscher Texte ins Hebräische fand er Anerkennung. Nicht zu vergessen sind seine Aktivitäten als verantwortungsvolles Vorstandsmitglied in zahlreichen Göppinger jüdischen Vereinen, wie dem Israelitischen Wohltätigkeitsverein (gegründet 1874) und dem Israelitischen Männerverein (gegründet 1901), ebenso stand er als Beirat Vereinen zur Seite, wie dem Israelitischen Frauenverein (gegründet 1881) und dem Israelitischen Jugendverein (gegründet 1921).                                                                                                                            Angesichts dieser Fülle an Aktivitäten für die jüdische Gemeinde, die Publikationen, die Vorträge, die Vereinsarbeit und die Bibliotheksbetreuung für die Stadt, war Dr. Aron Tänzer ein wahres Energiebündel. Er war ein unschätzbarer Kulturträger in dieser Stadt, der mit all seinen Aktivitäten das interkonfessionelle Miteinander der Bürger*innen förderte. Als die Schatten des aufkommenden Antisemitismus sich über das Leben der Juden in Deutschland legte, zog er sich, auch aus gesundheitlichen Gründen, vom öffentlichen Leben mehr und mehr zurück, bis er mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gezwungen wurde, nur mehr in der Israelitischen Religionsgemeinde zu wirken. Zu seinen Amtsaufgaben als Rabbiner gehörte es, die Israelitische Gemeinde zu verwalten, das Familienregister der Gemeindemitglieder zu führen. Die Kenntnisse über die Strukturen der jüdischen Religion, über die Verwaltung einer israelitischen Gemeinde, über die Familien jüdischen Glaubens, die seit 150 Jahren zuerst in Jebenhausen, dann in Göppingen mit ihren christlichen Mitmenschen zusammenlebten, flossen in sein lokalhistorisches Werk „Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen“ ein, veröffentlicht 1927. Jeder/jede, der/die sich für jüdische Geschichte hier vor Ort interessiert, sich von den Menschen, die seit 1777 unsere Nachbarn waren, ein Bild machen will, wird in diesem Buch fündig. Nach seinem Tod wurde noch eine weitere  Studie von ihm veröffentlicht mit dem Titel „Die Juden in Württemberg“. Dr. Aron Tänzers lokalhistorische Arbeiten sind heute eine einzigartige Quelle, da Verwaltungsunterlagen, Kirchen- und Familienregister etc. wie Persönliches der jüdischen Mitbürger*innen ab 1933 systematisch vernichtet wurden.                                                                                        

Zum Schluss noch etwas Besonderes: Zu gerne wäre Aron Tänzer Schauspieler geworden. Es blieb ein Wunschtraum angesichts der armen Lebensumstände, in denen er aufwuchs. Doch 1894 zu seiner Berliner Studienzeit entwarf er eine Posse mit dem schönen Titel: „Borgen macht Sorgen“. Später folgte der Schwank „Der Erzieher“, den er wie sein erstes Stück unter dem Pseudonym Arno Tänzer veröffentlichte. In dem Schauspiel „Die polnische Jüdin“ von 1936 verarbeitete er seine Kriegserlebnisse. In der dramatischen Dichtung „Die Tragödie der Juden“ beschreibt er die Aufgaben des Judentums in der Kulturentwicklung der Menschheit. Sicher muss man bei der Beurteilung der Stücke den Zeitgeist, den Zeitgeschmack, in denen sie entstanden sind, mit einbeziehen. Doch sie sind ein Zeitdokument – und – sie zeigen die Begeisterung Dr. Tänzers für das Theater, die ihn von Kindertagen an bis kurz vor seinen Tod erfüllte.

Feldrabbiner im Ersten Weltkrieg

Gehorsam gegenüber der Obrigkeit und Kaisertreue, diese Begriffe müssen unbedingt bei der Beschreibung der Persönlichkeit Dr. Aron Tänzers genannt werden. Das befremdet uns heute. Wie konnte dieser intelligente Mann, der sich während seines Studiums mit Völkerpsychologie auseinandersetzte, der sich religionsübergreifend für das Wohl seiner Mitmenschen einsetzte, von deutsch-nationalen Ideen überzeugt sein. Eine Erklärung ist, er war ein „Kind seiner Zeit“ und folgte dem Zeitgeist. Die zweite ist, er strebte als Jude, wie die meisten seiner Glaubensbrüder und -schwestern seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die vollständige Anpassung an die Gesellschaft an, in der er lebte. Dr. Aron Tänzer sah sich als Vordenker, als Vorbild in der jüdischen Gemeinde. Um das Ziel, die rechtliche Gleichstellung und die staatsbürgerliche Gleichbehandlung der Juden zu erreichen, formulierte er seine Bekenntnisse zur Vaterlandsliebe und zur Kaisertreue mit vollster Überzeugung. Schon bei der Einweihung der Meraner Synagoge 1901 beendete er seine Festpredigt mit dem Appell an die geladenen Gäste: „Hege Ehrfurcht vor Gott und dem Kaiser, bete für ihn, betet für das Vaterland und opfere ihm mit Freuden Gut und Blut, wenn sein Wohl es erfordert.“ Damals forderte er von den jüdischen Gläubigen Kaisertreue gegenüber dem österreichischen Kaiser – 1914 gegenüber dem deutschen Kaiser Wilhelm II.. Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg. Aus diesem Anlass bekannte der deutsche Kaiser Wilhelm II. in seiner pathetischen Rede „… er kenne ‚keine Parteien und auch keine Konfessionen mehr‘, stattdessen seien ‚wir (…) heute alle deutsche Brüder und nur noch deutsche Brüder‘“. Dr. Aron Tänzer schrieb in seinen „Kriegserinnerungen“: „Es gab tatsächlich weder Parteien noch Konfessionen mehr, es gab, nach des Kaisers so zutreffendem Worte, wirklich nur noch Deutsche.“ Vom ersten Tag der Kriegserklärung an wollte Aron Tänzer dem Vaterland dienen. Er wollte… „ aktiv teilnehmen an diesem großartigen Ringen der deutschen Kultur und des deutschen Volkes um Fortbestand und Weiterentwicklung“. Wie ein Großteil der Deutschen folgte er der Meinung, der Krieg sei Deutschland von den Nachbarländern aufgezwungen worden und nun galt es, das Vaterland zu verteidigen. Mit Enttäuschung nahm er die Absage wahr, nicht sofort als freiwilliger Kriegsteilnehmer seinen Heeresdienst antreten zu können. Ein Jahr musste er als 44 jähriger mit „schwächlichem Körperbau und Vater von sechs Kindern“ warten, bis er den ersehnten Einberufungsbefehl im August 1915 erhielt. In den Monaten des Wartens blieb er aber nicht untätig. Er organisierte Spendenaktionen, hielt Gottesdienste mit Kriegsgebeten in deutscher und hebräischer Sprache ab. Er nahm die Aufgaben der eingezogenen Lehrer wahr und unterrichtete an der Höheren Mädchenschule (heute Mörike-Gymnasium) Deutsch, Geschichte und Bürgerkunde. Es war ein Unterricht, von dem die Schülerinnen bis ins hohe Alter schwärmten, so lebendig, anschaulich und verständlich brachte er ihnen den Lehrstoff bei.

Seine Frau, Bertha Tänzer, wie seine beiden älteren Söhne unterstützten ihn, seinem Gewissen als opferbereiter Untertan des Deutschen Reiches zu folgen und in den Krieg zu ziehen. „Dank der Fassung, die meine Frau und Kinder bewahrten“, lief der Abschied „gelinde“ ab, schrieb er in seinen „Kriegserinnerungen“. Sein jüngstes Kind, Ilse, war zu diesem Zeitpunkt noch keine sechs Wochen alt.Als „Mann des Friedens im Gewande des Kriegs“, wie sich Dr. Tänzer in dem handschriftlichen Manuskript zu seinen Kriegserinnerungen selbst bezeichnet, lernte er das Elend der Juden auf seinem Feldzug Richtung Osten kennen. Er, als deutscher Soldat, sah sich als „Befreier von des Zaren blutgetränkter Knute“. Er fühlte sich „beglückt“ als Deutscher wie als Jude. Der Einmarsch ins Zarenreich, in dem die Juden verfolgt wurden, ermöglichte ihm der „Heldenmut“ der deutschen Armee und sie gab ihm die Sicherheit, als deutscher Jude „frei und unbekümmert“ aufzutreten. Er war entsetzt über das Leid der in Polen und Russland (heute zu Weißrussland gehörig) lebenden Juden, die unter der zaristischen Regierung dahinvegetieren mussten. Um Hunger und Krankheit zu lindern, baute er jüdische „Volksküchen“ auf, die mithilfe von Spenden zum größten Teil aus Göppingen, zum Beispiel vom Israelitischen Frauen- und Jungfrauen-Verein finanziert wurden. Im Laufe des Krieges wurde Dr. Aron Tänzer mehrfach ausgezeichnet für seinen selbstlosen Einsatz, die Truppenangehörigen „jeder Nationalität und Religion“, wie die Menschen vor Ort, versorgungsmäßig und medizinisch zu unterstützen. Den jüdischen „Feldgrauen“ gab er seelischen Halt in seinem Amt als Feldrabbiner. In einer Laudatio wurde „sein stilles humanitäres Wirken… seine Anteilnahme an jedwedem, gleichgültig welcher Konfession“… so wie seine Sprachkenntnisse… hervorgehoben. Einige wichtige Auszeichnungen sind zu nennen: das Eiserne Kreuz II. Klasse am Bande, das Ritterkreuz I. Klasse von Württemberg und das Ritterkreuz des Kaiserlich-österreichischen Franz-Josephs-Ordens mit der Kriegsdekoration. Nach einigem Bedenken, denn er hatte bis 1917 die Grauen des Krieges reichlich erfahren, stimmte er zu, dass seine Söhne, Paul und Fritz mit knapp 20 bzw. 19 Jahren, sich auch als Kriegsfreiwillige meldeten. Beide kamen an die Ostfront und wurden verletzt. Nach dreieinhalb Jahren Dienst bei der Armee kehrte Rabbiner Dr. Aron Tänzer am 19. November 1918 aus dem Feld nach Göppingen zurück. Aus Krankheitsgründen, da er zum zweiten Mal schwer an Ruhr erkrankt war.                                                                                                     Wie viele Deutsche litt er unter der schrecklichen Tatsache, den Krieg verloren zu haben. In einer Predigt in Göppingen dankte er den jüdischen Soldaten für ihre Pflichttreue und forderte sie auf, „als Deutsche“… „das tiefgebeugte Vaterland wieder aufzurichten“. In der Synagoge ließ er von gespendetem Geld eine Gedenktafel für die sechs Göppinger Glaubensbrüder errichten, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren. Ein städtisches Kriegerdenkmal für alle Gefallenen Göppingens wurde erst 1930 eingeweiht – in der NS Zeit wurden die Namen der sechs jüdischen Gefallenen entfernt. Dr. Tänzer hat diese verleumderische und schamlose Tat nicht mehr miterleben müssen, aber die Vorstufen der Diffamierungen gegen die Juden, beginnend 1922.

Dr. Tänzers Tod und Beerdigung

1922 trat der Antisemitismus in Göppingen zum ersten Mal öffentlich, für alle sicht- und erlebbar in Erscheinung. Die nationalsozialistische Partei, die sich damals in Göppingen noch nicht formiert hatte, lud zu einer Veranstaltung ein mit dem ausdrücklichen Hinweis, der auf dem Plakat vermerkt war, „Juden haben keinen Zutritt“. Die Verleumdungen, die mehr und mehr in Umlauf gebracht wurden, unterstellten den Juden, sie hätten sich nicht an der Verteidigung Deutschlands gegen seine Feinde im Ersten Weltkrieg beteiligt und somit tragen sie die Mitschuld an der Kriegsniederlage. Gegen den aufkommenden Judenhass nahm Dr. Aron Tänzer Stellung und hob u. a. in einer Rede hervor, die er 1924 hielt, dass das „unerschütterliche Heimatgefühl der deutschen Juden auch diese schwere Belastungsprobe bestehen werde“. Seinen Willen, die Assimilation der Juden in der deutschen Gesellschaft voranzutreiben, bekundete er mit seiner Namensänderung 1924: er ließ seinen Namen Aron amtlich in den deutschen Namen Arnold ändern. Ende der Dreißigerjahre zog sich Dr. Tänzer weitgehend aus dem öffentlichen Leben zurück. In der Hauptsache waren es gesundheitliche Gründe, aber auch die Entwicklung in der Bibliotheks- und Volksbildungsarbeit. 1933 kam dann die klare Weisung der NS Partei, seine Tätigkeiten auf die jüdische Gemeinde zu beschränken. Als er am 30. Oktober 1933 ein Schreiben erhielt, in dem ihm mitgeteilt wurde, als „Nichtarier den Kriegsvereinen nicht mehr angehören (zu) dürfen“, war er schwer getroffen. Dieser Brief bedeutete den Rauswurf aus dem Göppinger Veteranen- und Militärverein „Kampfgenossenschaft“, zu dessen Ehrenmitglied er im Juli 1921 ernannt worden war. Er pochte darauf, dass ihm Gerechtigkeit widerfahre und er, wie alle Teilnehmer des Ersten Weltkriegs, nachträglich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet werde. Er stellte einen dementsprechenden Antrag und erhielt am 4. Oktober 1935 vom Polizeiamt Göppingen folgende Antwort: sein Antrag sei gegenstandslos, da er nach der Verordnung über die Durchführung der Verleihung nicht Kriegsteilnehmer gewesen sei.  Man begründete dies, dass man ihn nicht zur Wehrmacht eingezogen habe, sondern dass er sich „als Zivilperson (Privatperson) ohne militärischen Auftrag im Kriegsgebiet aufgehalten“ habe. Damit wurde er nicht als Heeresangehöriger betrachtet. Ein Jahr wehrte er sich gegen diese Unterstellung, kein Soldat gewesen zu sein. 1936 gab er den Kampf auf an Leib und Seele erkrankt. Er formulierte sein Testament und legte darin genau den Ablauf seines Begräbnisses fest. Es war sein ausdrücklicher Wunsch, keine Dankesreden oder Nachrufe auf ihn zu halten und „keinerlei deutsches Gebet“ auf seiner Beerdigung zu sprechen. Am 26. Februar 1927 verstarb er mit 66 Jahren. Er wurde auf dem Göppinger Hauptfriedhof in der Israelitischen Abteilung neben seiner ersten Frau beerdigt. Dem Leichenzug folgten nur jüdische Bürger und Bürgerinnen, außer zwei christlichen Männern, die den Anstand und die Courage hatten, diesem Mann, der so viel für das Wohl seiner Mitmenschen getan hatte, auf diese Weise ihre Verehrung und ihren Dank zu zeigen. Einer von ihnen war der Hotelier Pfeifle vom Hotel Apostel. Der andere Christ war mit einer Jüdin verheiratet. Das antisemitische überregionale Hetzblatt „Flammenzeichen“ ließ diesen „unglaublichen Vorfall“ nicht unkommentiert. Sie verurteilten Pfeifle für sein unangebrachtes und verfehltes Verhalten, Mitgefühl für einen verstorbenen Juden zu zeigen. Die örtliche Presse reagierte mit keiner Meldung auf den Tod Tänzers. Die Israelitische Gemeinde trauerte um ihn. Trotz des antijüdischen Klimas im nationalsozialistischen Deutschland erhielt seine Frau Bertha Tänzer zwischen 400-500 Kondolenzbriefe zum Tode ihres Mannes. Bertha Tänzer schrieb nach der Pogromnacht 1938 an ihren Sohn Erwin: „Dein lieber Vater war ein glühender Verehrer Deutschlands… Mit hohen Auszeichnungen kam er nach Ende des Krieges heim, körperlich krank, durch zweimalige Ruhr, und seelisch krank durch den Zusammenbruch…“ Bertha Tänzer fühlte sich trotz all der schrecklichen Ereignisse Deutschland weiterhin eng verbunden – auch im Gedenken an ihren Mann.