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Banemann, Erich, Inge, Hedwig & Stefan

Burgstr. 16

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Fundstücke

Was kennen und wissen wir von der jüdischen Familie Banemann, die in der Burgstraße 16 wohnte? Bekannt und schon oft veröffentlicht worden ist das Foto, auf dem die Tochter Inge im hellen Sommerkleid dem Betrachter entgegen lächelt.

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Inge Banemann

Mit Inge verbindet sich auch die Geschichte ihres Gebetbuchs, das nach der Ermordung seiner Besitzerin wieder aufgetaucht ist. Inge ist auch auf dem Foto mit der Kindergruppe zu sehen, das Inge Auerbachers Vater vor dem 'Judenhaus' in der Metzgerstraße aufgenommen hat. Schwieriger ist es, sich von Inges älterem Bruder Erich ein Bild zu machen. Auf dem Foto 'Prinzess Vergissmeinichts Hochzeit', das 1929 aufgenommen wurde, taucht Erich als Zwerg verkleidet auf. Anlässlich des Chanukka -Fests führten die Kinder der Göppinger jüdischen Gemeinde im Hotel Dettelbacher Stücke auf. Etwa aus der gleichen Zeit stammt ein Klassenfoto, das ihn als Schüler in der Klasse (Jahrgang 1922) des Lehrers Karl Baun in der Evangelischen Knabenschule (heute Uhlandschule) zeigt. Leider liegen uns keine Fotos von Hedwig und Stephan Banemann vor.

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Schulklasse Jahrgang 1922 der Evangelischen Knabenschule mit ihrem Lehrer Karl Baun. Erich Banemann ist der 3. Junge von rechts in der zweiten Reihe

Oft zitiert werden auch die Erinnerungen, die Mila Baumann 1960 notierte. Über die Eltern Banemann schreibt sie:
Inges Mutter war eine Göppingerin, sie wohnten Ecke Burg- und Freihofstrasse, wo jetzt Buchbinder Dittus ist. Sie war ein sehr schönes Mädchen und später eine sehr schöne Frau. Herr Banemann war nicht von hier, blond, unjüdisch aussehend. Sie wohnten neben dem elterlichen Haus, in dem grossen Wohnhaus, wo jetzt das Gesundheitsamt drin ist.“ Liest es sich nicht befremdlich, wenn Frau Baumann, die ihren Text bestimmt mit der besten Absicht verfasst hat, ungewollt ein Nazi-Klischee bedient: Blond = unjüdisch?

Die Firma Josef Einstein & Söhne

Ihre Erinnerungen zu den Immobilien sind durchaus zutreffend, sowohl das Haus Burgstraße 12 („Dittus“) wie auch das Doppelhaus Burgstraße 14/16 waren Eigentum der Familie Banemann / Wortsmann / Einstein. Die Voraussetzung für den Haus- und Grundbesitz war ein zunächst erfolgreiches Unternehmen, das von Hedwig Banemanns Großeltern Josef und Jette Einstein 1867 gegründet worden war: Die Firma „Felle und Pelzwaren Josef Einstein & Söhne“. Josef stammte aus Jebenhausen und war Kürschner von Beruf. 1873 verlegt er sein Geschäft nach Göppingen und kauft ein Jahr später das erwähnte Eckhaus Burgstraße 12, wahrscheinlich ist er sogar der Bauherr. Die Söhne des Ehepaars heißen Adolph und Alfred, ihre Tochter ist Julie, die 1889 Nathan Wortsmann heiratet, der aus dem bayerischen Burghaslach stammt. Er und sein Schwager Alfred Einstein treten als nächste Generation in das Unternehmen ein, an Stelle Alfreds tritt bald der Bruder Adolph. Seit dem Tod des Firmengründers 1898 liegt die Verantwortung in ihren Händen. Vermutlich floriert die Firma im letzten Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg, denn 1908 wird das Doppelhaus Burgstraße 14/16 gebaut, auf der gegenüberliegenden Straßenseite wird ein weiteres Grundstück erworben, worauf ein Lagerschuppen steht. Zwei Todesfälle dürften der Grund gewesen sein, der zum Niedergang der Firma führte. 1916 stirbt Adolph Einstein, zwei Jahre später sein Schwager und Mit-Gesellschafter Nathan Wortsmann. Die Witwen Karola Einstein und Julie Wortsmann übernehmen damit das Unternehmen in der wirtschaftlich schweren Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

Hedwig und Stephan Banemann: Perlentaschen und Maulwurfsprobleme

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Eine perlenbestickte Damentasche, hergestellt von Hedwig Banemann

Auch Julies Tochter Hedwig ist unternehmerisch tätig. Sie beginnt 1916 handgestickte Perlentaschen herzustellen, ein Kunsthandwerk, das in Göppingen einen Schwerpunkt hatte. Auch nachdem sie 1921 Stephan Banemann heiratet, führt sie ihr Handwerk weiter. Stephan Banemann, der 1891 im fränkischen Burgkunstadt zur Welt kam, steigt im gleichen Jahr als Gesellschafter in den familiären Fell- und Pelzhandel ein. 1926 tritt ihm Josef ('Joe') Einstein, ein Sohn des verstorbenen Adolph zur Seite. Die Untiefen seiner neuen Tätigkeit lernt Herr Banemann spätestens 1923 kennen. Da wird er nämlich wegen „Verstoß gegen das Maulwurfschutzgesetz“ zu einer Geldstrafe von 5000,- Mark verurteilt. Was war der Hintergrund? Stephan Banemann hatte in 6000facher Ausfertigung eine Werbekarte versendet, auf der unter anderem die Ankaufsbedingungen von Maulwurfsfellen aufgeführt waren. Arglos bediente er sich dieses Werbemittels, das die Firma in vergangenen Jahren schon oft genutzt hatte.Vom Maulwurfschutzgesetz aus dem Jahr 1920 wusste er noch nichts.

Familienglück (?)

Dieser Dämpfer dürfte das Familienglück aber nicht ernsthaft getrübt haben. Denn schon 1922 war der Sohn Erich Siegfried zur Welt gekommen, 1930 die Tochter Inge Gudrun. Wie lebte damals die Familie Banemann? Frau Frida Spindler, die seit Mai 1933 als Haushälterin bei Banemanns angestellt war, erinnert sich an den Wohlstand in der Wohnung, an den zivilisierten und freundlichen Umgangston. Die Religion habe in der Familie keine große Rolle gespielt, nur selten sei die Synagoge besucht worden. Freundschaftlichen Umgang pflegte die Familie mit den Familien Heimann und Guggenheim. Lilo Guggenheim erinnert sich an langweilige Sonntagsspaziergänge, die die Familien unternommen haben, die Kinder mussten halt mit. Dr.Wolfgang Esslinger(), der in der Nachbarschaft aufwuchs, hatte die Banemanns als eine eher verarmte Familie in Erinnerung. Oft sah er, wie Erich mit dem Leiterwagen Pakete mit Lederwaren oder Häuten zur Post bringen musste. Besonders präsent ist ihm die Situation, als die Firma vor dem Konkurs stand. Banemanns boten Herrn Esslingers Vater den Kauf eines Grundstücks an, der dann auch erfolgte. Leider kann der Zeitpunkt dieser Situation noch nicht bestimmt werden, so dass eine mögliche Auswirkung der Nazi- Gesetzgebung offen bleibt.

Während Erich Banemann wie gesagt eine öffentlliche Grundschule besuchte, hatte sich die Situation 1936, als seine Schwester Inge schulreif wurde, zum Schlechten verändert. Jüdische Kinder wurden von ihren 'arischen' Altersgenossen oft drangsaliert uns wären im regulären Unterricht auch mit dem Antisemitismus konfrontiert gewesen, der den Unterrichtsstoff vergiftete. Aus diesem Grund richtete die Göppinger jüdische Gemeinde eine eigene allgemeinbildende Grundschule ein, die im Rabbinerhaus, Freihofstr. 46 ihren Platz fand. Dass Inge Banemann diese Schule besuchte, ist mit ihrer Unterschrift auf einem Abschiedsgeschenk verbürgt, das ihre Klassenkameradin Beate Dörzbacher aufbewahrt hatte. Inge kann aber nur für wenige Jahre diese Schule besucht haben, denn 1939 wurde das Rabbinerhaus an die Stadt Göppingen verkauft, was wohl das Ende der jüdischen Schule bedeutete.

Inge Banemann, Unterschrift

In das frühe Jahr 1937 fällt ein trauriges familiäres Ereignis: Hedwig Banemanns Mutter Julie Wortsmann suchte den Tod. Das Nazi – Hetzblatt „Flammenzeichen“ vom Januar 1937 höhnt dazu: „Die alte Altertumsammlerin und Jüdin Wortsmann hat sich vor kurzem an einem kalten Januartag ins Wasser fallen lassen und ist dabei versehentlich ertrunken.“ (Frau Wortsmann war Mitglied im Geschichts- und Altertumsvereins). Hinweise, dass der Suizid auf die bedrückende politische Situation zurück zu führen ist, liegen nicht vor, in der Erinnerung von Zeitzeugen wird Frau Wortsmanns Tod bezeichnenderweise in den Jahren der Republik angesiedelt.

Pogromnacht 1938

Das nächste Schreckensdatum im Leben der Familie ist sicher der 9. November 1938. In Frau Baumanns Erinnerungen liest man:
„In der Novembernacht 1938 wurde Herr Banemann sehr misshandelt, es war ja von der Synagoge kaum 30 Schritt bis zu seiner Wohnung. Am Montag nach dieser Nacht sah ich Frau Banemann auf der Strasse, sie war vollständig entstellt und sah wie eine Irre aus“.
Aus dieser Erinnerung wird manchmal abgeleitet, dass auch Frau Banemann in dieser Nacht körperlich misshandelt worden sei. Es stellt sich die Frage, ob das Ehepaar Banemann mehr als andere jüdische Bürger unter dem Nazi -Terror in der Pogromnacht zu leiden hatten.
Eigenartiger Weise gibt es aber keine Dokumente aus denen man ablesen könnte, dass Stephan und Erich Banemann anschließend im KZ Dachau inhaftiert wurden. Erich wäre in diesem Fall der jüngste, aus Göppingen stammende Häftling in Dachau gewesen. Eventuell wurden in Göppingen die unter 18-jährigen verschont, denn niemand unter 18 Jahren wurde zweifelsfrei nach Dachau gebracht. Und was Stephan Banemann betrifft: Wurde er in der Pogromnacht so schwer verletzt, dass er für eine Haft in Dachau nicht in Frage kam? Ein vergleichbares Schicksal ist überliefert.
Nach der Pogromnacht erlässt der Nazi -Staat mehrere antijüdische Verordnungen, darunter die zur „Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“. In diesem Fall ist es der Württembergische Fiskus / Staatsrentamt Ulm, der zugreift und seit 1939 als Inhaber der Gebäude Burgstraße 14/16 zeichnet, die zuvor Karola Einstein, Witwe des Adolph Einstein (= Burgstr.14) und Stephan Banemann (= Burgstr.16) gehörten. Das Haus Burgstraße 12 war schon 1929 an die Familie Dittus verkauft worden.
Stephan Banemann und sein Sohn werden seit 1938 gezwungen, in einer Stuttgarter Fabrik zu arbeiten. Obwohl die Famile Banemann ihr Eigentum verloren hatte, konnte sie zur Miete im Haus wohnen bleiben.
Im Jahr 1940 zieht das Ehepaar Fetzer mit ihren fünf Kindern in die Wohnung über Banemanns. Herr Wilhelm Fetzer erinnert sich an Erzählungen seiner Mutter, darunter, dass sie von den Mietern der Erdgeschoss -Wohnung angegiftet wurde: „Mit Juden spricht man nicht!“ Als sich Frau Fetzer dieser Aufforderung nicht fügt, finden sich Zettel mit bösartigen Warnungen im Briefkasten und unter dem Schuhabstreifer.
Schon 1935 hatte Frida Spindler bei Banemanns kündigen müssen, da sie als „Arierin“, die jünger als 45 Jahre alt ist, nicht länger bei Juden arbeiten durfte. Heimlich traf sich Frau Spindler aber mit Frau Banemann in einem Göppinger Geschäft, dem Aussteuerhaus Haug, um mit Lebensmittel-Geschenken die Not der Banemanns zu lindern. Die Inhaberin, Elisabeth Haug tolerierte diese Treffen, wobei Frau Banemann den Judenstern mit ihrer Handtasche verdecken musste. Gab es keine Möglichkeit für die Familie, aus Deutschland zu fliehen? Frau Spindler erinnert sich, dass die Familie nach Amerika ausreisen wollte, aber keine Bürgschaft bekommen konnte. „Ich wurde gefragt, ob ich Verwandte in Amerika habe.“

Die Deportation nach Riga

Doch diesmal konnte Frau Spindler nicht helfen und Mitte November 1941 wird in Württemberg die „Abschiebung von Juden“ - so der Tarnname des Raubmords - vorbereitet. Herr Fetzer berichtet, wie sich Nazi-Funktionäre schon im Vorfeld Zugang zu Banemanns Wohnung verschafften, um zu erkunden, welche Beute auf sie wartete. Frida Spindler erinnert sich an den Abschied: „ Mein letzter Besuch im November 1941 war am Abend vor der Abreise. Frau Banemann hatte bereits je eine Matratze für die Reise bereitgelegt. Meines Wissens mussten die Matratzen aber am anderen Tag zurückgelassen werden.“ Erich, Inge Hedwig und Stephan Banemann müssen am 27. November ihre Wohnung verlassen, ihr Besitz wird enteignet. Über die Sammelstellen Schillerschule und Killesberg werden sie mit weiteren Göppingern am 1. Dezember per Zug nach Riga deportiert. Schon die Verhältnisse auf der Fahrt waren lebensbedrohlich, das Lager „Jungfernhof“ bei Riga ist eine Mordstätte. In LKWs gepfercht, wird ein Großteil der Lagerinsassen im März 1942 in den Wald von Bikernieki gefahren und dort zu Tausenden erschossen. Richard Fleischer, der als einziger der Göppinger Gruppe überlebt hat, erinnert sich an Inges Abtransport zur Mordstätte. Erich, mit dem Richard Fleischer schon in Göppingen befreundet war, wurde damals anscheinend noch verschont. Er starb aber, so Richard Fleischers Erinnerung an den Entbehrungen auf einem „Todesmarsch“, der den Hafen von Klaipeda (Memel) zum Ziel hatte. Über den Mord an den Eltern ist nichts überliefert, die ganze Familie gilt offiziell als 'verschollen'.
Auch viele Verwandte der Banemanns wurden ermordet: Stephan Banemanns Schwester Therese Blaubaum und ihr Sohn Siegfried, seine Schwester Bella Liebmann mit ihrem Mann Emanuel.

Therese Blaubaum
Siegfried Blaubaum

Auch seine Schwester Karolina Wortsmann, ihr Mann Alfred und die Tochter Susanne sterben in deutschen Vernichtungslagern.
Hedwig Banemanns angeheiratete Tante Karola Einstein, geb.Silbermann, die 1935 in ihre Heimatstadt Nürnberg zurückgekehrt war, wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Leben endete im Vernichtungslager Treblinka. Schon 1940 wurde ihr psychisch erkrankter Sohn Robert im Rahmen der 'Euthanasie' in Grafeneck ermordet. (Siehe Stolperstein-Biografie).

Von den Nachkommen Josef und Jette Einsteins überlebt somit nur die Enkelin Gertrud Einstein (Hedwig Banemanns Cousine) den Zweiten Weltkrieg, sie stirbt etwa 1950 kinderlos in London. Sie sowie Verwandte aus der Familie Wortsmann stellen nach dem Krieg Anträge auf Entschädigung. In komplexen rechtlichen Verfahren wird den Angehörigen vorgerechnet, dass dem Wert der Häuser Burgstraße 14 und 16 erhebliche Steuerschulden entgegen gestanden haben und dass der Staat auch die Hypothekenschulden beglichen habe. Bei einer Rückerstattung der Häuser müssten die Erben sogar noch draufzahlen. Ein Vergleich wurde akzeptiert...

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Frau Frida Spindler, die Haushälterin der Familie Banemann

Im Mai 2009 verlegte Gunter Demnig vier Stolpersteine für die Familie Banemann vor dem Haus Burgstraße 16. Schüler der Uhland-Realschule berichteten über das Schicksal der Familie und trugen auch zur Finanzierung der Steine bei, deren Patenschaft sie übernommen haben.
Wir danken Frau Guggenheim (), Frau Spindler (), Herrn Fetzer und Herrn Dr. Esslinger () für Ihre Auskünfte sowie Frau Auerbacher, Frau Greenberg (geb. Beate Dörzbacher) und Herrn Wascher für das Überlassen der Fotos.

(07.12.2016 kmr)

Stammbaum Banemann _ Blaubaum _ Liebmann

Stammbaum Einstein _ Banemann _ Wortsmann

Stammbaum Silbermann _ Einstein _ Wertheim

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