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Kuttner, Ester

Mittlere Karlstraße 79


Eine eingewanderte Familie

Als in den 1950er und 60er Jahren die sogenannten Wiedergutmachungsverfahren aufgenommen wurden, musste ein Gericht auch klären, welcher Besitz der ermordeten Göppingerin Ester Kuttner gehört hatte. Als einzige Zeugin aus der jüdischen Bevölkerung lebte noch Lina Munz in der Stadt. Sie konnte dem Gericht aber nicht weiter helfen: Ihr sei die Familie Kuttner nur dem Namen nach bekannt gewesen. Zufall? Eher nicht, denn die Biografie von Ester Kuttner, geborene Zitter unterscheidet sich in einem Punkt von denjenigen der meisten jüdischen Göppinger. Ester war 'nicht von hier', ja nicht einmal aus Deutschland. Geboren wurde sie am 14. März 1882 in Lodz, das damals zu Russland gehörte. Juden durften sich dort erst seit 1848 ansiedeln, die jüdische Bevölkerung der schnell wachsenden Industriestadt (Textilindustrie) nahm aber rasch zu, kein Wunder also, dass in Lodz nach 1892 der größte jüdische Friedhof Europas entstand.

Ester Kuttner

Über die Kindheit und Jugend Ester Zitters ist nichts überliefert, fest steht aber, dass sie nicht vor hatte, ihr Leben in Lodz zu verbringen. In den Jahren nach 1903 lebte die junge Frau nämlich in London. War England schon das Ziel ihrer Auswanderung oder nur Zwischenstation auf dem Weg in die USA? Hier in London schloss Ester auch ihre Ehe mit Joel Kuttner, einem zwei Jahre älteren Landsmann, Weber von Beruf, der ebenfalls aus Lodz stammte. In Englands Metropole kam dann auch ihr erster Sohn Michael (Max) 1905 zur Welt. Bekam die junge Familie in England keine ständige Aufenthaltserlaubnis, geriet sie in finanzielle Not? Das nächste Kind, der Sohn Julius (Israel) wurde 1907 nämlich wieder in Lodz geboren.

der Ehemann Joel Schraga Kuttner

In Göppingen 'gestrandet'?

Der nächste Versuch, die Heimatstadt Lodz Richtung Westen zu verlassen, führte die junge Familie nach Göppingen. Anlass dürften die Kriegshandlungen im ersten Weltkrieg gewesen sein, denn Lodz war zwischen Russland und dem Deutschen Reich schwer umkämpft. Vermutlich kamen Ester, Joel, Michael und Julius Kuttner 1914 nach Göppingen, in dem Jahr, als sich auch Esters Brüder Pinkus und Samuel Zitter (siehe Stolperstein-Biografien) mit ihren Familien in Göppingen nieder ließen. Am 9. September 1918 kam David (Chaim) Kuttner zur Welt, das erste in Göppingen geborene Kind der Familie. Als Wohnadresse ist die Mittlere Karlstraße 79 überliefert, wo die fünfköpfige Familie im Dachgeschoss recht beengt wohnte: 43 qm, die Schrägen nicht mitgerechnet. Wie (wenig) wohlhabend waren die Kuttners? Frau Hildegard Ege (t), die David Kuttner als Mitschüler kannte, erinnerte sich: "Es waren sehr arme Juden, Lumpensammler." Auguste Mühlhäuser, die im gleichen Haus wohnte, und öfters in Kuttners Wohnung zu Gast war, schrieb in den 1960er Jahren: "Die Wohnung machte der Einrichtung nach einen zwar bescheidenen, aber netten Eindruck".

Auch zum Beruf des Herrn Kuttner konnte Frau Mühlhäuser genaueres beitragen: "Der Ehemann betrieb seinerseits meines Wissens  einen Lumpen- und Alteisenhandel.( …) Solange der Ehemann lebte, bot der Altwarenhandel der Familie nach meiner Ansicht eine gute Lebensgrundlage, d.h. eine  finanzielle Not hat bei den Kuttners nicht geherrscht. Auch nach dem Tode des Ehemannes habe ich nie gehört, daß eine Not vorhanden war."
Am 19. August 1934 starb Joel Kuttner nach längerer Krankheit in Göppingen, Ester bekam nur sehr kurz eine kleine Witwenrente, konnte ihren Lebensunterhalt aber durch den Verkauf aus dem Warenbestand ihres Mannes und durch Näharbeiten bestreiten.

Musikliebhaber

Aus Frau Mühlhäusers Aussagen sowie der einer weiteren Zeugin geht hervor, dass trotz knapper Mittel die Musik gepflegt wurde: Sohn Julius spielte die Geige und  einigen Aussagen zufolge besaß die Familie sogar ein eigenes Klavier.

Mutter Courage

Aus dem Jahr 1934 stammt Frau Eges Erinnerung, in der Ester Kuttner als couragierte Frau zu erkennen ist: David Kuttner, der jüngste Sohn ging damals auf die Höhere Handelsschule in Göppingen, wo ihn ein Nazi – Lehrer ständig benachteiligte. Daraufhin sei Frau Kuttner in die Schule gegangen und habe dem Lehrer deutlich und öffentlich 'die Meinung gesagt'. Allerdings sei David Kuttner ihrer Erinnerung nach dann von der Schule abgegangen. David Kuttner war der Sportler in der Familie. Ein Foto zeigt ihn im Tor des Sportplatzes, der dem 'Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten' gehörte und auf dem Gelände der Filztuchfabrik Veit angesiedelt war.

David Kuttner, der jüngste Sohn (rechts hinten)

Davids Sportskamerad Hugo Lang, der aus Süßen stammt, erinnert sich an die Fußballmatches gegen jüdische Mannschaften aus den umliegenden Städten. Der jüdische Sportklub ‚Schild Göppingen’ war entstanden, als jüdische Sportlerinnen und Sportler aus den jetzt ‚arischen’ Sportvereinen ausgeschlossen wurden. Als ‚Gegner’ waren nur andere jüdische Sportklubs zugelassen.

Der Sohn Julius Kuttner (Hinten rechts), Boll 1934

Die Söhne können fliehen

Aus der Diskriminierung durch die Nazis zogen Esters Söhne rasch die Konsequenzen:
Michael Kuttner, Esters Ältester, besaß von Geburt her die britische Staatsangehörigkeit, für ihn bot sich Großbritannien als Fluchtort an. Im Oktober 1936 verließ er Deutschland und ließ sich in London nieder, wo er etwa 1976 verstarb. Sein einziges Kind, die Tochter Frances, lebt in den USA

Julius, der zweite Sohn von Joel und Esther hatte in Göppingen schon als Jugendlicher bei der Firma Märklin gearbeitet. Kurz nach seiner Heirat mit Pola Rozenberg, die noch in Göppingen gefeiert wurde, flüchtete das junge Paar im Dezember 1935 nach Palästina und ließ sich in Haifa nieder. Leider wurde Julius’ Leben von den Folgen eines schweren Unfalls dauerhaft beeinträchtigt, er starb etwa im Jahr 1976. In Israel bekamen Julius und Paula eine Tochter und einen Sohn, zur Enkelin Ayala Sicron, Kind der Tochter Sarah fanden wir Kontakt. Frau Sicron führt als Sängerin und Musikerin die musische Tradition der Familie fort.

Auch David, Esthers Jüngster verließ Nazi-Deutschland, sein Fluchtweg führte 1939 zunächst nach Italien, später nach Frankreich, wo er nach Kriegsbeginn interniert wurde. Er meldete sich zur französischen Fremdenlegion und gelangte mit ihr nach Marokko, wo er die marokkanisch / sefardische Jüdin Lily Assidon, die in der Gaullistischen Bewegung aktiv war, kennen lernte. Doch musste er auch auf europäischem Boden in den Krieg ziehen, denn sein Truppenteil kämpfte bei der Befreiung von Straßburg mit. Nach dem Krieg lebte David zunächst in Frankreich. Die Liebe zu Lily führte ihn aber wieder zurück nach Marokko, wo sie im Januar 1947 heirateten. Im Jahr 1957 verließ das Paar Marokko und fand in Frankreich in der Nähe von Straßburg ein neues Zuhause. Das Paar bekam drei Töchter und einen Sohn. David, der sich in Frankreich ‚Henri Kutner’ nannte, arbeitete als selbständiger Kraftfahrer. Mehrfach besuchte er Göppingen, der ‚Maientag’ war ein guter Anlass, frühere Bekannte zu treffen. David / Henri starb im Jahr 2000. Sein Sohn Jean-Marie Kutner, Apotheker von Beruf ist ein engagierter Kommunalpolitiker. Er wurde vor einigen Jahren zum Bürgermeister der elsässischen Gemeinde Schiltigheim gewählt und fungiert auch als Vizepräsident des Gemeindeverbunds ‚Eurométropole Strasbourg’.

Aus der Wohnung verwiesen, deportiert

In dem einzigen amtlichen Göppinger Dokument, das erhalten ist, gelten Ester und David Kuttner als polnische Staatsbürger. Das hätte freilich schon 1938 ihre Abschiebung nach Polen zur Folge haben können, was anderen Göppinger Familien auch widerfuhr, zum Beispiel dem mit Kuttners verwandten Paar Cilly und Julius Cyter. (Siehe Stolperstein-Biografie Zitter).

Mittlere Karlstr. 79

Frau Kuttner wurde aber bald darauf Opfer einer anderen Diskriminierung, denn am 29. April 1939 musste sie die vertraute Wohnung in der Karlstraße verlassen. Ein 'Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden' dürfte der Anlass zur Kündigung gewesen sein, demnach Juden nicht bei 'Ariern' leben sollten. Allerdings gibt die neue Adresse Bergstraße 8 Rätsel auf, denn dort sind keine jüdischen Eigentümer oder Mitmieter bekannt.

Es ist zu befürchten, dass Ester Kuttner hier zwei einsame Jahre verbrachte. Der Kontakt zu den ehemaligen Wohnungsnachbarn war nach Aussage von Frau Mühlhäuser abgebrochen und auch in der umfangreichen Korrespondenz ihrer Göppinger Nichte Sara Zitter wird Ester Kuttner nie erwähnt. Fest steht aber, dass Frau Kuttner die neue Wohnung am 28. November 1941 räumen musste. Aus Göppingen verjagt, wurde sie mit 38 weiteren Mitbürgern nach Riga deportiert, wo sie im Lager Jungfernhof unter härtesten Bedingungen bis zu ihrer Ermordung am 27. März 1942 lebte. Zu Tausenden wurden damals die Lagerbewohner in den Wald Bikernieki geschafft, wo sie von deutschen Soldaten, SS-Einheiten oder lettischen Hilfstruppen erschossen wurden.

Aus der näheren Familie wurden Esters Schwägerin Paula Zitter und deren Töchter Sara und Rosa ermordet (siehe Stolperstein-Biografien). Auch viele Mitglieder der Familie von Esthers Schwiegertochter Pola, geb. Rozenberg, die in der polnischen Stadt Kola lebte, wurden von den Nazi-Deutschen ermordet.

Jean Marie Kutner, Enkel von Ester Kuttner, Sohn von David Kuttner ( =Henri Kutner) ; Lily Kutner, geb. Assidon, Witwe von Henri Kutner, Mutter von Jean Marie, Michael Cyter, Enkel von Pinkus Cyter (Zitter), dem älteren Bruder von Ester Kuttner.

Im November 2011 legte Gunter Demnig den Stolperstein zum Angedenken an Ester Kuttner vor ihrem früheren Wohnhaus in der Mittleren Karlstraße. Zur diesem Anlass waren viele Familienmitglieder nach Göppingen gereist: Esters Enkel Jean-Marie Kutner mit seiner Frau und seiner Mutter Lily Kutner –Assidon, der Großneffen Peter Liebermann mit Familie sowie die Großneffen Michael Cyter und Reuven Shachaf - Cyter.

(27.01.2017 kmr)

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