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Fleischer, Arthur und Paula

Nördliche Ringstr. 33

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Samuel Fleischer und Söhne
Arthur (ganz rechts) mit seinem Vater Samuel (sitzend) und seinen Brüdern Bernhard und Julius

Ein „Herr in den besten Jahren“
umgeben von drei eleganten jungen Männern, seinen Söhnen. Das Foto ist etwa 1910 aufgenommen worden und Samuel Fleischer konnte mit Stolz auf sein Leben zurückblicken: Seine Firma, die Korsettfabrik 'Rosenthal, Fleischer & Co.', in dieser Form im Jahr 1887 gegründet, war ein erfolgreiches, expandierendes Unternehmen, dessen Produkte international prämiert wurden. Auch in Göppingen dürfte die Korsettfabrik ein 'Musterbetrieb' gewesen sein: Helle Fabrikräume in einem modernen, 1890 entstandenen Bauwerk, umgeben von Gärten, die von den Betriebsangehörigen genutzt werden konnten. Zum Stolz des Samuel Fleischer gehörte sicher auch der Vaterstolz. Die Söhne, die ihm seine Frau Emilie, geb. Rosenthal schenkte, hießen Bernhard, Julius und Arthur, die Tochter hieß Paula, war zur Zeit der Aufnahme schon mit Eugen Ries verheiratet und gehörte damit einer neuen Familie an. (Eugen Ries ist als Schöpfer des Markennamens der 'ERI'- Schuhcreme in Erinnerung geblieben).
Wie in Familienunternehmen üblich, sollten die Nachfolger im Unternehmen aus der Familie stammen. Samuel Fleischers ältester Sohn Bernhard hatte zu dieser Zeit freilich schon einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Nach dem Jurastudium ließ er sich 1907 in Stuttgart als Rechtsanwalt nieder. Aber da sind ja noch die jüngeren Brüder Julius und Arthur. Tatsächlich werden beide nach Samuels Tod die Geschäftsleitung übernehmen – dem Vater zuliebe? Aus Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und deren Arbeitsplätzen? Von Julius, dem mittlerem Bruder weiß man, dass er lieber Medizin studiert hätte, später sollte Heilen seine Berufung werden. Und Arthur? Seine Tochter Hanna wird viele Jahre später 'Schriftsteller' in die Spalte 'Beruf' des Erinnerungsblatts von Yad Vashem eintragen.

Existenzsorgen
Als Samuel Fleischer 1920 stirbt, hat sich die politische, ökonomische und kulturelle Situation grundlegend geändert. Abgesehen vom wirtschaftlichen Zusammenbruch nach dem Ersten Weltkrieg ist das Unternehmen speziell vom Modewandel betroffen.
Korsetts sind in der jungen Mode verpönt, das Kernprodukt der Firma lässt sich immer weniger verkaufen. Die Geschäftsführung versucht sich dem Markt anzupassen, bietet ein Kollektion von Nachtwäsche an und spezialisiert sich auf orthopädische Korsetts, doch der Niedergang der Firma lässt sich damit nur verlangsamen. 1928 werden die Fabrikgebäude (heute das Technische Rathaus) sowie das Wohnhaus Nordring 33 an die Stadt Göppingen verkauft, die Produktion läuft allerdings im kleineren Umfang weiter und der Familie ist ein Wohnrecht im Wohnhaus vertraglich zugesichert worden, worüber sich der Nazi - Bürgermeister Pack 1935 aber hinwegsetzen wird. Samuel Fleischers Witwe Emilie, dann 77 Jahre alt und erblindet, ihre Tochter Paula Ries und deren Tochter Erika sind die Opfer dieses rücksichtslosen Rechtsbruchs und müssen das Haus verlassen.
Zunächst aber dürfte Arthur Fleischer und seine Familie mit der ursprünglichen Regelung zufrieden gewesen sein, denn erst vor einigen Jahren waren Paula und Arthur Fleischer mit ihren Kindern Erwin, Eva und Hanna in das repräsentative Haus gezogen. Von ungetrübten Familienglück darf man aber nicht ausgehen, denn 1926 war der Sohn Franz Bernhard 11-jährig an einer Mittelohrentzündung gestorben. Er war das erste Kind des Ehepaars, das 1913 in Straßburg geheiratet hatte, der Stadt, wo Paula, geborene Hammel aufgewachsen war.

Arthur und Paula Fleischer 1915

Eine engagierte Zionistin
Paula, übrigens eine Cousine von Arthur, war eine gebildete junge Frau und schon früh für den Zionismus begeistert, ein Engagement, das, wie ihre Kinder Erwin und Hanna erinnern, ihr Leben lang anhielt.Vor ihrer Ehe war sie zumindest ein Mal Gast beim Zionistischen Kongress in Basel. In Göppingen war sie damit innerhalb der 'alten' Göppinger jüdischen Familien eine Ausnahme. Die meisten aus ihren Kreisen verstanden sich als Deutsche jüdischen Glaubens und neigten zum politischen Liberalismus. Zionistische Überzeugungen fanden sich sonst eher in jüdischen Familien, die aus Osteuropa zugewandert waren oder bei Angehörigen der jüngeren Generation.
Arthur und Julius Fleischer waren gleich gestellte Gesellschafter der Firma. Wie viel Gemeinsamkeit gab es zwischen den Brüdern? Hanna Herschbaum, die älteste Tochter von Paula und Arthur Fleischer schreibt dazu: „Arthur und Julius Fleischer waren sich nicht ähnlich. Mein Vater leitete die Fabrik. Er interessierte sich für Geschichte und Literatur, nicht für Politik. Wir hatten in Göppingen ein offenes Haus und Besuche vom Ausland kamen geschäftlich zu uns. Der beste Freund meines Vaters war Karl Veit, der Besitzer einer Filztuchfabrik in Göppingen.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wegzug nach Paris
Bei der Aussage in Frau Herschbaums Erinnerung überrascht, dass sich ihr Vater nicht für Politik interessiert habe. Schon 1931 trifft die Familie nämlich eine Entscheidung, die auf besondere politische Hellsichtigkeit schließen lässt: Paula und Arthur Fleischer verlassen Deutschland und ziehen nach Paris. Zu diesem Schritt gab es freilich einen konkreten Anlass. Frau Herschbaum schreibt: „Mein Vater bekam schon 1931 einen Drohbrief, den ich gesehen habe, vom Sohn eines Fabrikangestellten, den Namen weiß ich nicht. Wörtlich schrieb er: 'Herr Fleischer, wenn die Nazis ans Ruder kommen, wird es Ihnen schlecht ergehen.' Der Brief war mit Hakenkreuzen eingerahmt. Meine Mutter hat ihn zerrissen (leider).“

Max und Hanna Herschbaum (geb. Fleischer)

Offiziell verlegt das Ehepaar dann im Mai 1932 seinen Wohnsitz nach Paris. Die Kinder Erwin und Eva bleiben zunächst bei der Großmutter in Göppingen und kommen später im Kinderheim in Großherrischwand im Schwarzwald unter, das vom anthroposophischen Ehepaar Ehmann geführt wurde, das sich auch in der Nazi-Zeit für Juden einsetzt. Dort habe er die schönste Zeit seines Lebens verbracht, erinnert sich Erwin Fleischer. Seine älteste Schwester Hanna besucht in Straßburg ein Mädchenpensionat. Erst im Mai 1933 verlassen auch Eva und Erwin das bedrohlich gewordene Deutschland.

hinten: Erwin und Eva Fleischer im Heim Großherrischwand

Arthur Fleischer als Kulturmensch
Es fiel der Familie in Frankreich nicht leicht, Fuß zu fassen, ohne den finanziellen Grundstock, der vom Verkauf der Göppinger Immobilien stammte, wäre das Leben kaum möglich gewesen. Jahrelang leben die Fleischers im Hotel, Arthur verdient als Vertreter von Bekleidungs- Artikel und mit Übersetzungen etwas dazu. Aber schon im Mai 1931 findet sich ein Beleg für Arthurs kulturelles Wirken in Frankreich. Die Kunsthistorikerin Dr. Dorothee Hoppe fand einen Brief, den Arthur am 6. Mai an den Frankfurter Künstler und Kunstsammler John Elsas richtete. Hintergrund war, dass Arthur Fleischer ihm behilflich sein wollte, eine Ausstellung in Paris zu organisieren. Aus Arthurs Hand stammt auch ein Text, der John Elsas Kunstschaffen zum Thema hat. Darin scheint sich auch eine (bisher nicht ausgelebte?) Begabung Arthurs auf: Die Schriftstellerei. Zusammen mit dem Franzosen Etienne Gril verfasst er auf französisch zwei Romane, weitere Bücher waren geplant. Arthurs Autorenschaft wurde auch in Göppingen registriert. Das 'Israelitischen Wochenblatt' vom 16.1.1936 berichtet:
"Vor kurzem erschien in Paris der Roman 'La Solitude à Paris' von Etienne Gril und Arthur Fleischer (Editions Pierre Gara), der zum Teil in Stuttgart, zum Teil in Paris spielt und in unterhaltsamer Weise das Schicksal einer jungen Stuttgarterin schildert, die nach mancherlei Mißgeschick sich endlich in Paris einlebt. Arthur Fleischer ist ein gebürtiger Göppinger und dürfte bei seinen vielen Freunden noch in bester Erinnerung sein."
Etiennes Sohn Jacques wird später der Ehemann von Arthurs Tochter Eva. Zum Familieneinkommen beitragen kann auch die älteste Tochter Hanna, die als Kinderbetreuerin und später als Verkäuferin arbeitet – jeweils abhängig von Arbeitserlaubnissen und einige Jahre später wird der junge Erwin sogar zeitweilig zum Hauptverdiener.

Ein 'Feindlicher Ausländer'?
1940, mit Beginn des Kriegs gegen Frankreich, verschlechtert sich die Lage für die Familie. Als Deutsche gelten sie pauschal als „feindliche Ausländer“ und so werden Paula, Hanna und Eva für 3 Monate im Lager von Gurs interniert, nur Erwin entgeht als erst 17jähriger diesem Schicksal und kann später sogar eine Berufsausbildung absolvieren. Auch Arthur Fleischer wird zwei Mal interniert, später aber in eine 'Compagnie des Travailleurs Etranger' aufgenommen. In dieser staatlichen Organisation dienten Ausländer, die zu alt waren, um in die französische Armee eintreten zu können, wobei zu Arthurs Abteilung viele Juden aus Deutschland gehörten. Stationiert war diese Einheit in der Nähe der südfranzösischen Stadt Montauban, südwestlich von Toulouse, wohin auch die anderen Familienmitglieder nach dem Ende ihrer Internierung übersiedeln.
Arthur Fleischer findet dann eine neue Aufgabe als Geschichtslehrer in einem Heim für jüdische Kinder. Unter der Vichy – Regierung musste die Familie ihre Ausweise mit einem roten 'Juden' - Stempel versehen lassen. Mit den Jahren wächst der Druck der Nazis auf die Vichy-Regierung, und diese ist ihrerseits auch zunehmend bereit, deutsche Flüchtlinge auszuliefern. Hanna und Eva und Erwin bemühten sich deshalb (mit Erfolg) um falsche Ausweise. In dieser bedrohlichen Zeit, im Jahr 1942 erkrankt Paula Fleischer und muss eine Lungenheilanstalt aufsuchen.

Der Verrat, die Verzweiflung
Im August 1943 sucht Arthur Fleischer, der inzwischen in einem Nachbarort wohnt,wegen einer Aufenthaltssache die Polizeistation von Montauban auf. Erwin Fleischer erinnert sich, dass sein Vater den Polizeichef persönlich kannte und ihm und seiner schützenden Hand vertrauen konnte. Zu Arthurs Überraschung ist sein Bekannter aber abgelöst worden und der neue Amtsinhaber erweist sich als ein williger Vollstrecker der Nazi - Deutschen. Arthur Fleischer wird verhaftet und in das Lager Drancy nördlich von Paris gebracht. Etienne Gril versucht seinen Freund zu retten, als Vertreter des Schriftstellerverbands bemüht er sich bei Regierungsstellen um einen gesicherten Aufenthaltstatus und entsprechende Papiere – vergebens! Arthur Fleischer wird von Drancy aus ins besetzte Polen deportiert und wahrscheinlich in Majdanek ermordet.
Auch Paula Fleischer muss eine Auslieferung an die Nazis fürchten. Zu ihrer Sicherheit wird sie unter einem anderen Namen in ein zweites Sanatorium verlegt, wo sie das Ende der Nazi - Zeit noch erlebt. Frau Herschbaum schreibt zum Schicksal ihrer Mutter: „Sie starb an Folge von TBC (Tuberkulose) und Depression über das Schicksal ihres Mannes am 7.7.1945 in einem Krankenhaus in der Nähe von Lyon.“

Widerstand und Flucht
Die Kinder der Familie überleben mit Glück und Mut die bedrohliche Zeit. Erwin, der sogar noch eine Ausbildung zum Techniker beenden konnte, schloss sich im Mai 1944 unter dem Eindruck des Massakers von Oradur der Widerstandsgruppe ' Armee Juive' an. Mit Kampfgenossen flieht er nach Spanien auf ein portugiesisches Schiff, das von jüdischen Flüchtlingsorganisationen organisiert worden ist. 500 jüdische Flüchtlinge gehen an Bord, darunter 80 Kinder, für deren Betreuung Erwin Fleischer verantwortlich war. Ziel ist Palästina, wo Erwin Fleischer im November 1944 eintrifft. Bei der Begrüßung in Haifa werden er und seine Reisegefährten von Golda Meir und David Ben Gurion begrüßt. Erwins Schwester Eva war in der Résistance aktiv, ihr Tarnname war Jacqueline Brusset. Wie erwähnt heiratete sie Jacques Gril, den Sohn des Schriftsteller – Kollegen ihres Vaters. Eva Gril, die vor einigen Jahren gestorben ist, blieb in Frankreich, wo ihre drei Söhne heute leben. Hanna, die ältere Schwester, lernte in Montauban Max Herschbaum kennen, einen Juden, der aus der Ukraine stammte. Das Ehepaar wohnte bis zu Max Herschbaums Tod in Frankreich, als Witwe zog Hanna nach Israel, wo auch ihr Bruder Erwin (Ehut) und seine drei Töchtern leben.

Zurück zum Foto von 1910. Alle drei Fleischer – Brüder sind von den Nazis ermordet worden, ebenso Julius Ehefrau Irma, für beide liegen Stolpersteine in Göppingen. Zu den Opfern der deutschen Nazis gehören auch Arthurs Cousinen Rosa Fleischer, Emilie Goldstein und Pauline Guggenheim - siehe Stolperstein - Biografien.

Die Schwester von Paula Fleischer, Martha Albert, geb. Hammel, war 1935 mit ihrer 1925 geborenen Tochter Friederike Jeannette und ihrem Mann Julius von Saarbrücken in die Nähe von Paris gezogen. Im Juli 1942 wird die Familie zunächst in der Pariser Radsportarena 'Velodrom d`hiver' interniert. Vom Abschiebelager Drancy bei Paris aus wird die Familie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

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Erwin Fleischer und seine Tochter Jael zu Gast in Göppingen anläßlich der Stolperstein – Verlegung

Zur Erinnerung an Arthur und Paula Fleischer hat Gunter Demnig am 1. Mai 2010 in Anwesenheit des Sohns Erwin (Ehut) Fleischer, seiner Tochter Jael Noimann sowie weiterer Familienangehöriger zwei Stolpersteine vor dem Haus Nordring 33 gesetzt.

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 Verlegung der Stolpersteine in der Nördlichen Ringstr. 33 

(28.04.2013 kmr)

 

 

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