Springe zum Inhalt

Fleischer, Irma und Julius

Hauptstr. 11

stolpersteine-julius-und-irma-fleischer.JPG

Im November 1913 wird im hessischen Camberg/Taunus Hochzeit gefeiert. Irma May geht eine „Liebesheirat“ mit Julius Fleischer aus Göppingen ein, keine Selbstverständlichkeit in bürgerlichen Kreisen dieser Zeit. Irmas Vater Moritz ist der Inhaber eines Metallwaren – Großhandels und in seinem Beruf sehr erfolgreich. In Irmas Elternhaus – sie ist das einzige Kind von Hedwig und Moritz May – wird eine jüdische Kultur gepflegt, die sich auch dem Wohlleben und der Kunst nicht verschließt. Auch später in Göppingen wird Irma Fleischer ihre kulturelle Mitgift pflegen: Regelmäßige Opernbesuche in Stuttgart, Interesse und Kenntnis der aktuellen Mode. Tochter Doris-Sylvia erinnert sich, dass ihre Mutter im biederen Göppingen bald als etwas extravagant galt, auch in der Familie ihres Mannes. „Die Frauen aus Vaters Familie kauften Kleider, die haltbar waren – das Kleidungsstück war unbedingt von bester Qualität – während Mutter jede Saison neue Kleider hatte“. Auch das modische Erscheinungsbild ihrer Töchter war ihr wichtig: „Ich wusste,dass meine Röcke kürzer waren als die meiner Schulkameradinnen. Mutter hatte gesagt, dass sie wie Bäuerinnen gekleidet seien – aber als Kind will man nicht auffallen…“

sylviasusanrichardarnold1933.jpg
v.l.: Doris, Susanne Richard und Arnold

Zwischen 1920 und 1927 kommen die Kinder Doris-Sylvia, Susanne, Richard und Arnold auf die Welt. Wie im gehobenen Bürgertum dieser Zeit üblich, sind Kinderbetreuung und -erziehung die Aufgaben einer Gouvernante. Besonders Hedwig („Hede“) Schwarz aus Gosbach ist den Fleischer-Kindern in bester Erinnerung. Hede blieb der Familie auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Dienst verbunden und legte sich später mit den Nazis an. Sie bekundete öffentlich, dass sie Juden als anständige und ehrenswerte Menschen kennen gelernt habe, erst die Drohung mit dem KZ ließ sie verstummen.

irmaundjuliusum1919.jpg
Irma und Julius Fleischer um 1919

Zum Zeitpunkt der Hochzeit konnte auch Julius Fleischer als „gute Partie“ gelten, da er und sein jüngerer Bruder Arthur als Nachfolger in der Geschäftsführung der väterlichen Korsettfabrik vorgesehen waren, eine Aufgabe, die er nach dem Tod seines Vaters Samuel Fleischer auch übernahm. Ohne die familiären Verpflichtungen hätte Julius Fleischer aber Medizin studiert und die Heilkunst im weiteren Sinn blieb bestimmend für sein Leben. Mit den Jahren zog er sich immer mehr aus der Geschäftsleitung zurück und verwirklichte seine Berufung: Zwar nicht als Arzt, so doch als Heilpraktiker, als Heiler, als Erfinder von Naturheilmitteln. Im eigenen Labor kreierte er Heiltränke, einer mit der Bezeichnung „Olvicor“ ist Zeitzeugen noch in Erinnerung. Jahrelang war Julius Fleischer im Göppinger Kneipp – Verein aktiv, unter anderem als Vorsitzender. Besonders Menschen aus dem dörflichen Umland suchten Herrn Fleischers Rat und Hilfe, weswegen er oft zu Besuchen unterwegs war. Seine Frau beurteilte den neuen „Beruf“ ihres Mannes nicht immer mit Verständnis. Später wird die Tochter Doris (Sylvia Hurst) schreiben: „Mutter hatte vor 20 Jahren einen Korsettfabrikanten geheiratet, jetzt war er ein naturheilkundiger Arzt, ein Mystiker“. Frau Margret Duisberg, die mit der Familie Fleischer befreundet ist, schreibt: „Julius Fleischer genoss eine stille Hochachtung – nach außen bescheiden, wirkte er in seinem Umfeld aufklärend und hilfsbereit und man hatte stets das Gefühl, dass er vieles wusste!

Julius Fleischers Freundeskreis ging weit über Göppingen hinaus: Seine Kinder Doris und Richard erinnern sich, dass der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf Gast ihres Vaters war, auch er ein Verfechter der „Alternativ – Medizin.“ Prominentester Besucher und Freund Julius Fleischers war freilich Albert Einstein, der übrigens auch ein (sehr) entfernter Verwandter war und den Kindern als „Onkel“ galt. Sylvia Hurst schreibt dazu: “Als Kind verbrachte er (A.E.) und seine Schwester Maja viele Schulferien mit unserer Familie, da deren Kinder im gleichen Alter waren. Mein Vater und er blieben zeitlebens Freunde. Vater glaubte ernsthaft daran, dass seine besondere Gabe der medizinischen Hellsichtigkeit gottgegeben sei, sein Eins – Sein mit der Natur ein Teil davon. Diese Auffassung teilte er mit Albert. Beide nahmen an, dass sie die Kräfte des Universums und des Kosmos fühlen konnten“. Neben den geistigen Gemeinsamkeiten sollen aber auch die Qualität von Irmas Spätzle Grund für Einsteins Besuche gewesen sein. Umgekehrt freuten sich die Fleischer – Kinder an den großzügigen Gastgeschenken von „Onkel Albert“. Abgesehen von diesen prominenten jüdischen Freunden bestand Julius Fleischer Freundeskreis mehrheitlich aus Nicht – Juden.

Das Erstarken der NS – Bewegung betrachtete Julius Fleischer zunächst mit Gelassenheit. Sylvia Hurst schreibt: „Die jüdische Bevölkerung in meiner Stadt zerfiel in zwei Gruppen. Die eine glaubte, dass die Auswanderung unbedingt und schnell erfolgen müsse, die andere war der Überzeugung – und dazu gehörten meine Eltern, oder sollte ich sagen, mein Vater – dass das Nazitum ein verrückter und unwirklicher Alp-Traum sei, und dass die schlechte Zeit vorübergehen würde. Um aber auf der sicheren Seite zu sein, ging Vater auf das Amerikanische Konsulat in Stuttgart, um eine Warte – Nummer zu bekommen“.

Mit der Machtübergabe an die Nazis begann die rapide Ausgrenzung und Entrechtung jüdischer Bürger. Julius Fleischer wird aus dem Vorsitz des Kneipp – Vereins gedrängt, frühere Bekannte, darunter viele Künstler, die wochenlang Fleischers Gastfreundschaft in Anspruch genommen hatten, meiden ihren früheren Gönner. Nachbarn in der Hauptstraße hängen ein „Juden sind hier unerwünscht“ – Schild an die Ladentüre und liefern aus eigenem Antrieb, wie sich Richard Fleischer erinnert, täglich telefonische Berichte über „die Juden“ bei der Polizei ab. Die finanzielle Situation der Familie verschlechterte sich zusehends. Sylvia Hurst schreibt über das Jahr 1937: „ Vaters Einkommen war null. Er hielt es aber für falsch, für seine Gabe Geld zu verlangen und meistens versorgte er seine Patienten kostenlos mit Medikamenten“. Während der Pogrom – Nacht am 9.11.1938 ist Irma Fleischer bei ihren Eltern und auch Tochter Doris und Sohn Richard sind nicht im Haus, als zwei SA – Männer am frühen Morgen Einlass verlangen und nach Julius Fleischer suchen. Seinen Kindern Susanne und Arnold kann er noch zurufen: „Ich gehe mit diesen Herren auf die Polizeiwache, wegen Ermittlungen. Ich werde bald wieder da sein. Ihr geht jetzt wieder ins Bett. Wenn ich zum Frühstück nicht zurück sein sollte, dann ruft Mutter an. Keine Sorge!“ Frau Hurst schreibt weiter: „Nach drei Monaten kam Vater aus Dachau zurück. Ich bekam einen rührenden Brief von ihm, der besagte, dass er bei guter Gesundheit sei. Er schrieb, dass seine Atemübungen ihn während des Lageraufenthalts aufrecht gehalten hätten.“ Dass diese Worte eher zu Beruhigung der Tochter gedient hatten, merkte sie, als sie ihrem Vater später begegnete: „Ich bekam einen Schock, als ich sie sah. Vater sah so mager aus und sein Stoppelkopf war schrecklich. Ich wies darauf hin. Mutter lächelte: Jetzt ists schon besser. Du hättest ihn sehen sollen, als er aus dem Lager kam – er war glatt geschoren. Mutter sah zerbrechlich aus. Ich bemerkte eine graue Strähne in ihrem Haar.“

Mit dem Beginn des Jahrs 1939 werden Juden gezwungen, Wertsachen dem deutschen Staat abzuliefern. Die ohnehin verarmte Familie verliert mit den Werten auch persönliche Erinnerungsstücke, so eine kostbare Perlenkette, einst Julius Hochzeitsgeschenk an seine Frau. Lächerliche 13 Mark werden für dieses Schmuckstück gutgeschrieben. Da habe der Nazi – Beamte wohl unter einem Schreibkrampf gelitten, kommentiert Julius Fleischer das Dokument der Beraubung. Auswanderungspläne des Ehepaars nach England scheitern an der Haltung einer dort lebenden Verwandten, die sich nicht imstande sieht, zu bürgen. Freilich war sie schon für mehrere ihr näher stehenden Verwandten Bürgschaften eingegangen. Immerhin gelingt es dem älteren Sohn Arnold im April 1939 als Begleiter einer älteren Verwandten nach England zu fliehen. Im Juli folgen ihm, diesmal im Rahmen eines Kindertransports, die Schwestern Doris und Susanne. Arnold Fleischer wird später nach Kanada verschickt und arbeitet dort in einem Holzfällerlager. Nach dem Krieg erhält er die kanadische Staatsangehörigkeit und ist als Unternehmens- und Steuerberater erfolgreich. 1968 stirbt er ohne eigene Nachkommen. Susanne Fleischer wandert in die USA aus, heiratet und wird Mutter einer Tochter und eines Sohns. Sie starb vor einigen Jahren an den Folgen eines Unfalls. Doris – Sylvia Fleischer, verheiratete Sylvia Hurst, bleibt in England, arbeitet in verschiedenen kreativen Berufen und ist Mutter einer Tochter. Während ihres Aufenthalts in England hatten die Fleischer – Kinder fast keine Möglichkeit, etwas über das Leben ihrer Eltern und ihres jüngsten Bruders zu erfahren. Denn ihn, den 1927 geborenen Richard wollten die Eltern noch nicht allein in die Fremde schicken, eine verständliche Entscheidung, die aber schreckliche Folgen haben sollte. Aus der Zeit in Göppingen erinnert sich Richard noch, dass die verbliebene Familie die Wohnung in der Hauptstraße verlassen musste.

Aus den Jahren 1939 bis 1941 sind Briefe von Hedwig Frankfurter, Sara Zitter und Isidor Fränkl erhalten. Alle drei Autorinnen und Autoren sind von unterschiedlicher regionaler und sozialer Herkunft und dürften sich in der Zeit vor der Naziherrschft kaum gekannt haben. Während der Zeit der Bedrängnis taucht aber in allen Briefen der Name von Julius Fleischer auf. Während viele Göppinger Jüdinnen und Juden schon geflüchtet waren, dürfte es Julius Fleischer gewesen zu sein, der den Kontakt zwischen den zurückgebliebenen bewahrte und pflegte. Er scheint der 'gute Geist ' der jüdischen Gemeinde gewesen zu sein, eine Aufgabe, die der letzte Rabbiner Wallach anscheinend nicht wahrnehmen konnte, zumal er nur bis August 1939 in Göppingen lebte.

sylvia-hurst.jpg

Am 28. November 1941 wurden Irma, Julius und Richard Fleischer von Beamten der Göppinger Polizei nach einer Nacht in der Schiller – Schulturnhalle an den Bahnhof „begleitet“. Vom Lager auf dem Stuttgarter Killesberg wird die Familie nach Riga deportiert. Im Lager Jungfernhof stirbt Julius Fleischer am 26. Februar 1942 elend an den Folgen von Erfrierungen. Genau einen Monat später wird Irma Fleischer ermordet, wahrscheinlich durch Erschießen. Ermordet werden auch Julius Brüder Bernhard und Arthur Fleischer sowie seine Cousinen Rosa Fleischer und Emilie Goldstein, die Cousine Pauline Guggenheim flüchtet in den Tod.

Richard Fleischer, zum Zeitpunkt der Einlieferung 14 Jahre alt, überlebt die Torturen mehrerer Arbeitslager. Seine Leidensgeschichte hat er 1945 in einem Brief festgehalten, der im Anschluss an diesen Text steht. Viele Informationen aus dem Leben der Familie Fleischer konnten wir Sylvia Hursts Buch „Laugh or Cry“ entnehmen und wir danken auch Richard Fleischer für die freundliche Bereitschaft auf unsere Fragen zu an tworten. Wenige Wochen nach seinem Besuch in Göppingen starb Richard Fleischer an einem Krebsleiden.

stolper-2010-049.jpg
Richard Fleischer bei der Stolperstein-Verlegung im Mai 2010

Am 1. Mai 2010 verlegte Gunter Demnig vor dem Haus Hauptstraße 11 unter dem Beisein von Richard Fleischer und Sylvia Hurst die Stolpersteine für Irma und Julius Fleischer. Schülerinnen des Freihof – Gymnasiums haben die Patenschaft für diese Stolpersteine übernommen und bei der Steinsetzung über die Ermordeten informiert.

(Siehe: Schulpatenschaften)

(13.12.2011 kmr)

Brief von Richard Fleischer, verfasst im Jahr 1945. Dieser Brief wurde von Richard Fleischers Vetter, Erwin Fleischer, anlässlich des Besuchs der vertriebenen Juden in Göppingen am Maientag 1984 übergeben.

Die handschriftliche Fassung ist im folgenden maschinenschriftlich wiedergegeben.

Liebe Eva!

Heute am 7. Nov. war der freudigste Tag, schon seit langen Wochen habe ich mich nicht so gefreut wie heute, als Tante Bernard mir den Brief gab. Ich war sehr sehr glücklich darüber, endlich eine bestimmte Nachricht von Dir lb. Eva zu erhalten, daß es meinen Geschwistern gut geht. Es ist sehr traurig, da Dein lb. Vater und Mutter die frohe Zeiten, welche kommen werden, nicht mehr erlebten. Ich entsinne mich, bei uns im Lager wußte man auch, daß holländische und französische Juden im Frühjahr in die Nähe von Lublin kamen. Das Lager heißt Izbica, die meisten Transporte, welche ankamen, wurden schon im Zuge vergast. Über Onkel Bernhard, welcher bis 1943 in Stuttgart wohnte, habe ich erfahren, daß er mit noch 8 Juden ins Lager “Mauthausen” geschickt wurde und nach acht Tagen kam die Nachricht, daß er und noch 5 andere von dem Transport, auf der “Flucht erschossen” wurden. Seine Asche kam zurück und wurde auf dem Pragfriedhof in Stgt. beigesetzt. Aber im Jahre 1944 wurde gerade diese Stelle von Bomben getroffen, daß ich jetzt nicht mehr die Stelle finden kann. Dieses alles hat mir eine jüdische Frau, weiche mit einem Arier verheiratet ist, erzählt und ich glaube bestimmt, daß es wahr ist. Nun will ich Dir von meiner Wenigkeit erzählen.

Am 26. Nov. 1941 wurden wir verhaftet. Wir bekamen schon 4 Tage vorher den Befehl von Stgt. einen Koffer als Handgepäck mit Lebensmittel und dem nötigsten zu packen. Als Reisegepäck durften wir 50 kg einpacken , welche weggeschickt wurden und dieselbe sahen wir nie mehr wieder. In der Nacht zum 26./27. Nov. mußten wir in der Schillerschule im Turnsaal schlafen wie die Hunde ohne Betten und Decken. An dem gleichen Tag wurden wir von Gestapos untersucht und alles Geld sowie alles Wertvolle abgenommen, (erinnerst Du Dich an Frank, Sauter und Östreicher), dieses waren die feinen Herren, welche uns untersuchten. Am 27. morgens wurden wir wie Verbrecher auf den Bahnhof getrieben, es war noch stockdunkel unter dem Gejohle der Gassenjungen und “unser” Oberbürgermeisters Dr. Pack war auch dabei. Zum Abschied rief er, “fahrt in die Hölle Saupack”. Wir kamen nach Stgt. und dort verblieben wir bis 1 . Dez. Nachts um 4 Uhr wurden wir am Nordbahnhof einwagoniert und fuhren 3 Tage und 4 Nachte in ungeheizten Wagen nach Riga. Unterwegs bekamen wi r nur 2 mal Wasser. Halb verdurstet kamen wir an. Beim Ausladen wurden wir wie das Vieh mit Stockschlägen und Geschrei ausgeladen. Auf dem Glatteis blieben viele Leute zurück und wurden erschossen. In 10 Minuten hatten wir 28 Tote. Wir hatten gleich den richtigen Eindruck. Vor Durst aßen wir Eis und Schnee. Wir wurden in ein paar alte Scheunen und Schafställe getrieben, kurz und gut wir blieben dort. Im Eis und Schnee blieben wir dort bis Ende März. In unserer Baracke starben jeden Tag 18-25 Männer, welche über Nacht erfroren. Es starben noch viele an Typhus, Ruhr und Erfrierungen. Ende März wurde ein Transport über 2 000 Frauen, Kinder und alten Männern zusammengestellt und kam nach Dünamünde, erst später erfuhren wir, daß alle vergast wurden. So wurden wir von 6000 Menschen, welche wir im Januar waren, durch Tod und Transporte auf 450 Menschen reduziert. In diesem K.Z. blieben wir bis März 43. Darauf blieben wir 1 Monat im Rigaer Ghetto, darauf kamen wir in das große Rigaer K.Z. Schon im Feb. 42 starb mein guter lb. Papa an Blutvergiftung, er hatte sich in 10 Min. Hände, Füße, Ohren und Nase abgefroren, da keinerlei ärztliche Hilfe da war, trat der Brand ein und nach 2 Tagen starb er unerwartet. Es war am 26. Februar. Einen Monat später am 26. März kam Mutter weg, wir selbst mußten die Leute einladen in Autos, wo die Leute vergast wurden. Es war ein richtiges Hundeleben: In Lumpen ungewaschen, hungrig, verlaust, aussätzig, zogen wir jeden Tag für Tag zur Arbeit. Richtige Fron und Massenarbeit. Prügelei war tägliches Schauspiel , für die geringste Sache bekamen wir 25-50 auf den blanken Hintern. Viele starben daran.

In diesen paar Jahren kamen wir in ganz Lettland herum. Juni 44 wurden wir ans Kurland abtransportiert. Wir mußten 260 km zu Fuß in Sonnenhitze marschieren ohne Wasser, zuletzt floh ich mit ein paar Kameraden in den ‘Urwald’. Dort wurden wir von Suchaktionen zerstreut und viele Kameraden erschossen. So trieb ich Wochen im Walde herum, bis ich von Lettenpolizei aufgefasst wurde. Ich kam 1 Woche ins Windauer Gefängnis und dann 7 Wochen in Liban in den S.S. Bunker. Wir waren schon halb verhungert und verfault, als der letzte Transport von Juden aus Lettland auf das Schiff im Libaner Hafen gebracht wurde. Im Bunker waren wir 22 Häftlinge, wir mußten uns immer jede Nacht für Nacht im Schlafen abwechseln, es konnten nur immer mit Mühe 11 Leute schlafen. Es war furchtbar. Verpflegung war täglich 285 gr. Brot, Mittags 1/2 lt. Wassersuppe und abends 5 Kartoffeln, wovon 2 faul waren. 12. Okt. 44 kamen wir in Danzig an, in ein neues K.Z. , es hieß Stutthof bei Danzig. Neue Plage und Schinderei. Dort blieben wir 1 Monat. Es war das schrecklichste, wir wurden morgens 5 Uhr rausgetrieben und mußten ob Wind, Wetter, Regen oder Schnee im Freien stehen bis abends 8 Uhr. Jeden morgen und abends bekamen wir 100 gr. Brot und jeden Morgen 10 Uhr 1/2 lt. Suppe. Darauf kamen wir nach Danzig in die U.Boot-Werft Schickau. Es war zum Lachen wir 1 000 Juden, 2 000 Italiener und ebenso viele Polen und Russen mit wenigen Deutschen mußten U.Boote bauen, wovon wir keine Ahnung hatten. Hier blieben wir bis Ende Januar, die Russen kamen immer näher, wir wurden nach dem K.z Lager Lauenburg getrieben. In Schnee und Eis ohne Essen als täglich 3 rohe Kartoffeln und Nachts in nassen, kalten Kirchen schlafend, wurden wir weiter getrieben. Wir konnten nicht mehr, links und rechts im Straßengraben blieben die Menschen liegen, wir die schon 3 Jahre lang nur immer wieder uns retteten, weil wir die stärksten waren. Immer aufgepeitscht von Stockschlägen der SS, links und rechts knallte es, die wirklich nicht mehr konnten, bekamen den Gnadenschuß ins Genick. Es konnte uns , die schon so viel Elend und Blut kalten Mutes gesehen hatten, die Tranen in die Augen treiben. Auf Glatteis, mehr schlitternd ais gehend, in Holzschuhen das schwere Gepäck der SS. schleppend, schlichen wir weiter. Von 4 600 Häftlingen kamen wir am 3. Abend in einem früheren R.A.D. Lager an, wo schon K.Z. Leute waren. Unsere Zahl war auf 480 zusammengeschmolzen. Morgens wollten wir weiter, aber wir konnten nicht mehr, weil Typhus im Lager war. Wir blieben dort 4 Wochen ohne Brot, nur 1/2 lt. Wassersuppe täglich Schanzarbeiten. Bis auf 120 Mann waren wir gesunken, als am 10. März uns die Russen befreiten. Interessehalber wogen uns die Russen, ich wog noch 32 kg, das höchste Gewicht war 45 kg bei den stärksten Männern. Darauf kamen wir 8 Wochen in ein Sanatorium, wo wir uns langsam erholten, bei der ausgezeichneten Pflege und Essen. Täglich 5 mal bekamen wir Essen, nur Weißbrot, Butter, Zucker, Kaffee, Kakao in genügender Menge, und trotzdem starben die Kameraden weg bis auf 30 Mann, welche gesund entlassen wurden. Ich selbst lag 4 Wochen fast ohne Besinnung, fast nichts essend und immer schlafend im Bett, an das wir uns wieder gewöhnen mußten. Darauf meldete ich mich bei der Russischen Miliz. Ich wurde 3 Tage auf Maschinenpistole ausgebildet und kämpfte gegen SS. Truppen und Banden. Die haben unsere Rache gespürt , es gab kein Pardon und keine Gefangene. Ich hatte mir geschworen, für jede Narbe, welche ich auf dem Rücken habe, 10 SS. Leute. Und ich habe Wort geha1ten. Bei Kriegsende kam ich in verschiedene Städte wie:

Berlin, Leipzig, Bitterfeld, Halle, Dresden, Magdeburg und ins Vogtland. Zuletzt war ich auf einem großen Rittergut bei Magdeburg als Aufseher und Dolmetscher, weil ich ganz schön russisch sprechen kann. 1. Okt. d.J. fuhr ich unter vielen Segenswünschen von meiner Truppe ab und kam am 4. Okt. in Göppingen an. Bei einer Frau Munz geb. Wassermann, fand ich ein Zimmer, wo ich blieb. Am 10. oder 11. Okt. traf ich Mrs. Bernard, welche ich gar nicht kannte und sie verschaffte mir eine sehr gute Stelle bei der US-Militärregierung in Esslingen, wo sie auch selbst wohnt. Ich bin sehr zufrieden mit der Stelle und Tante Bernard ist ganz entzückend und hält mich wie ihren eigenen Sohn. Ich will jetzt schließen, es ist schon 11 Uhr, ich muß ins Bett. Ich schicke Dir ein Bild von mir mit. Schicke diese Blätter bitte an Tante Paula weiter, welche sie an Suse, Doris und Arnold weiterschicken soll. Schreibe ihnen bitte, sie sollen mir Bilder von sich und meinen lb. Eltern sobald als möglich schicken, alle gingen im K.Z. verloren. Das nächste Mal will ich Dir von meiner jetzigen Tätigkeit schreiben, es grüßt und küsstt Dich innigst

Dein Vetter Richard.

richard-jung.jpg
Richard Fleischer als junger Mann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.