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Erlanger, Fritz Max und die Jüdische Schule in Göppingen

Schillerstr.33


Schillerstr. 33, hier stand ursprünglich das Wohnhaus von Hr. Erlanger, welches im Krieg zerstört wurde

Am ersten September 1936 tritt Fritz Max Erlanger das Amt des Vorbeters (Kantor) und Lehrers bei der Israelitischen Gemeinde in Göppingen an. Er folgt damit Berthold Levi, der die Ämter seit 1926 inne hatte und wenige Monaten zuvor in den Ruhestand getreten und nach Stuttgart gezogen war. Dass es sich aber um keinen üblichen Generationenwechsel im Amt handelt, ergab sich aus den Zeitumständen, denn seit über drei Jahren herrschten die Nazis in Deutschland. Seit den 'Nürnberger Gesetzen' aus dem Jahr 1935 wurde die Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Deutschen zum Staatsziel. Den Judenhass schürte aber nicht nur der Staat, viele 'arische Volksgenossen' handelten aus eigenem Antrieb, um den jüdischen Nachbarn und ihren Kindern das Leben schwer zu machen.

Die Aussonderung der jüdischen Kinder in Göppingen
Warum hatte sich der Vorstand der Göppinger Israelitischen Gemeinde entschlossen, trotz knapper finanzieller Mittel hier eine Schule für die jüdischen Kinder im Grundschulalter einzurichten? Jüdische Kinder gingen ja schon seit vielen Jahrzehnten auf die Allgemeinen Schulen, dort wo konfessionelle Trennung herrschte, meist auf die evangelische Schule. Die Jüdischen Lehrer und Vorbeter waren in erster Linie Religionslehrer, ähnlich wie es bei den Geistlichen der christlichen Konfessionen oft der Fall war. (Jüdischen Lehrern war der Eintritt und Verbleib in den Allgemeinen Schuldienst erst seit wenigen Jahren möglich gewesen. So scheiterte noch Fritz Erlangers Vor-Vorgänger Carl Bodenheimer am Widerstand christlicher Eltern - siehe Stolperstein - Biografie Sophie Bodenheimer). Das generelle Verbot für jüdische Kinder, die Allgemeinen Schulen zu besuchen, wurde von den Nazis erst am 15. November 1938 ausgesprochen. Es lässt sich nicht endgültig beantworten, warum in Göppingen schon zwei Jahre früher die Aussonderung vollzogen wurde und wer den ersten Schritt dahin machte.

Aus der Sicht jüdischer Kinder und Eltern gab es freilich schon 1936 Gründe, die es ratsam erscheinen ließen, die Kinder vor der 'Volksgemeinschaft' zu schützen. So erinnert sich der geflüchtete Göppinger Hermann Freudenberger in einem Brief aus dem Jahr 1966: "Ich konnte nicht mit ansehen, wie meine Kinder in der Schule behandelt wurden". Freilich hing es stark vom Anstand des Lehrers ab, ob den Nazi - Pimpfen Einhalt geboten wurde, und ein Lehrer wie Karl Baun, der seinen Schülern klarmachte, dass der jüdische Klassenkamerad Erich Steiner 'zu uns' gehört, war sicher eine positive Ausnahme.

Es ist daher denkbar, dass die Israelitische Gemeinde selbst aktiv wurde, indem sie die eigene Schule eröffnete und dass die Nazi - Schulbehörde darauf hin den jüdischen Kindern im Grundschulalter den Besuch den Allgemeinen Volksschulen untersagte. Jüdische Jugendliche, die weiterführende oder berufsbildende Schulen in Göppingen besuchten, blieben bis 1938 mehr oder weniger unbehelligt und konnten bis dahin noch Schulabschlüsse tätigen.

Die jüdische Schule im Rabbinerhaus

Rabbinerhaus, Freihofstr. 46

Die jüdischen Kinder im Grundschulalter konnten ihre Aussonderung oft nicht begreifen. Doris Rosenkranz, geb. Rosenfeld, Jahrgang 1927 erinnert sich, dass sie 1934 und 1935 noch die Allgemeine Grundschule besuchen konnte, dass sie aber vermutlich 1936 "rausgeschmissen" wurde, was ihr bis heute eine traumatische Erinnerung ist. Sie zog mit ihrer Mutter dann nach Stuttgart und flüchtete später in die Schweiz. Ähnliche Erinnerungen hat der gleichaltrige Herbert Steiner:

"Die ersten paar Schuljahre war ich in der normalen Volksschule, aber im Jahr 1936 mussten alle jüdischen Kinder in eine getrennte Jüdische Schule gehen." Und der ebenfalls 1927 geborene Richard Fleischer beschreibt die Situation: "Meine Schule war in der Uhlandstraße. (heute Burgstraße, Uhland - Grundschule - Anm. d. Verf.) Ich verließ die Schule, bzw. wurde 1936 heraus genommen. Meinem Vater wurde mitgeteilt, dass ich unter keinen Umständen hier bleiben kann. Mein Vater schickte mich nach Esslingen" (Gemeint ist das jüdische Waisenhaus und Internat 'Wilhelmspflege'- Anm. d.Verf.)). Die meisten jüdischen Grundschul - Kinder besuchten aber seit 1936 die neu eingerichtete jüdischen Schule im Rabbinerhaus (Freihofstraße 46), wo ein Stockwerk, wahrscheinlich das erste, als Schulraum diente. Der Raum war nach dem Wegzug von Kantor Levi frei geworden, im anderen Stockwerk lebte bis Dezember 1937 noch die Rabbiners - Witwe Berta Tänzer, (siehe Stolperstein - Biografie) während der neue Rabbiner Luitpold Wallach sich eine Wohnung außerhalb des Hauses gesucht hatte.

Wie viele Kinder besuchten die Schule, bei der es keine Jahrgangsklassen gab? Herbert Steiner bezieht sich auf die Zeit bis zu seiner Flucht im Dezember 1938: "Wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir ungefähr 20 - 30 Kinder im Alter von 6 bis 14 in einem Zimmer." Seine Mitschülerin Beate Dörzbacher (heute Betty Greenberg), ebenfalls Jahrgang 1927, überließ der Stolperstein Initiative ein Poesiealbum. Dieses hatte sie zu ihrem Schulabgang 1937 von Fritz Erlanger, ihrem Lehrer als Geschenk bekommen. Darin haben 17 Mitschülerinnen und Mitschüler unterschrieben.

Fritz Max Erlanger (h.r. helles Hemd) mit seinen Schülern auf einem Ausflug 1936/37

In der jüdischen Schule waren die Kinder vor ungerechten Lehrern und gehässigen Mitschülern geschützt. Die brutale Wirklichkeit holte sie aber außerhalb des Schul - und Elternhauses wieder ein. Herbert Steiner schreibt aus leidvoller Erfahrung:

"Der direkte Weg zur Schule von der Bahnhofstraße 6 war nicht sehr lang, aber die Umwege, die ich machen musste, um die geschmissenen Steine von den anderen Schulbuben zu vermeiden, machte es zu einem ernsten Unternehmen."

"Fritz Erlanger war ein sehr beliebter Lehrer"
Bei seinem Dienstantritt im September 1936 war Fritz Max Erlanger gerade erst 23 Jahre alt und die Göppinger Lehramtsstelle war nach einer dreijährigen Lehrtätigkeit an der Esslinger 'Wilhelmspflege' seine zweite dauerhafte Anstellung. Nach seiner Ersten Dienstprüfung 1933 folgten kürzere Anstellungen in Tübingen und Rottweil . Er muss, so die wenigen überlieferten Erinnerungen seiner Schüler, ein begabter Pädagoge gewesen sein. Herbert Steiner: " Fritz Erlanger war ein sehr beliebter Lehrer, der die Kinder gut verstanden hat. Rabbiner Wallach hatte nie den gleichen Rapport mit uns, aber man muss dabei anerkennen, dass die Zeiten immer schwieriger wurden und dass er auch andere Pflichten hatte." Auch Betty Greenberg hat positive Erinnerungen: "Ich kann mich zwar nur noch vage an Herrn Erlanger erinnern, aber er war mit Sicherheit ein liebenswerter junger Mann".

Neben seiner sympathischen Ausstrahlung muss Fritz Erlanger auch einiges didaktisches Können bewiesen haben: "Die Fächer in der Jüdischen Schule waren 'normal', aber natürlich mit nur einem Lehrer und etwa 30 Schüler in allen Stufen war der Unterricht schon ein bisschen chaotisch. Als ich 1939 in Amerika ankam, wusste ich mehr über Mathematik als die meisten Kinder hier, aber Englisch war mir fremd, die religiöse Erziehung spielte keine große Rolle" erinnert sich Herbert Steiner. Im 'Israelitischen Wochenblatt' vom 16. März 1938 wird von einem Elternabend der Jüdischen Schule berichtet, wo Fritz Erlanger seine schulischen Lernziele umreißt:

"Er warnte vor den bisherigen Berufen, welche unsere Jugend nirgends in der Welt aussichtsreich seien. Chancen hat heute nur ein manueller Arbeiter, vor allem der Handwerker und der Landwirt, und auch diese nur bei gründlicher Vorbildung. Der Redner hob sodann die einzelnen im In- und Ausland heute gegebenen Ausbildungsmöglichkeiten hervor und beleuchtete im besonderen Hascharah und Jugend - Alijah (Vorbereitung für die Auswanderung nach Palästina - Amn. d. Verf.) ... "

Das Datum dieses Berichts ist auch ein Hinweis für die Fortdauer der jüdischen Schule in Göppingen. Durch die Flucht vieler Familien reduzierte sich auch der Kreis möglicher Schüler und Schülerinnen. Spätestens vor dem 9. Juni 1939 muss der Schulbetrieb im Rabbinerhaus geendet haben, denn zu diesem Zeitpunkt erwarb die Stadt Göppingen das Gebäude, das laut Adressbuch fortan "unbewohnt" blieb.

Im Jahr 1940, als das jüdische Kind Inge Auerbacher sechs Jahre alt wurde, kann die Göppinger Schule, egal in welcher Räumlichkeit, nicht mehr existiert haben, denn Inge musste mit dem Zug nach Stuttgart fahren, um die einzige jüdische Schule im weiten Umkreis zu besuchen.

Dass Fritz Max Erlanger auch sein religiöses Amt wahrnahm, darauf verweist eine Notiz im 'Israelitischen Wochenblatt' vom April 1937: "Am 27. März veranstaltete das Vorsteheramt der isr. Gemeinde gemeinsam mit der Jüdischen Schule und der Zionistischen Ortsgruppe einen Sederabend, den Rabbiner Dr. Wallach (Laupheim) und Lehrer Erlanger in vorbildlicher und erhebender Weise gaben."

In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, als die Synagoge in Brand gesetzt wurde, gehört Fritz Max Erlanger zu den jüdischen Männern, die verhaftet und am Morgen des 10. Novembers ins KZ Dachau verfrachtet wurden. Bis zum 5. Dezember dauerte seine Haft. Aus dem Zugangsbuch des KZ erfährt man auch, dass Fritz Erlanger damals noch als 'Lehrer' geführt wurde und dass er nicht mehr an seiner ersten Göppinger Wohnadresse, der Schillerstr. 33 gemeldet war. Da die 1938 genannte Adresse Wilhelm Murrstr. 30 (heute Mörikestraße) ein 'Judenhaus' war, in dem die Menschen zwangsweise einquartiert wurden, kam der Stolperstein am Ort des früheren Hauses in der Schillerstr. 33 zu liegen. Ein letzter Verweis auf Göppingen stammt vom August 1940. In der Krankenakte von Charlotte Schulheimer, die als Patientin im Christofsbad lebte, fand sich der Satz: "Lehrer Fritz Erlanger ließ Charlotte regelmäßig kleine Geldbeträge zukommen." - so schrieb Charlottes Schwester an die Klinikleitung.

Fritz Max Erlanger lebte noch bis Mitte 1941 in Göppingen. Vermutlich wurde er als Zwangsarbeiter verpflichtet, wir wissen aber nichts näheres.

Kindheit und Jugend als 'Trennungswaise'
Fritz Max Erlanger erscheint in den Erinnerungen als fröhlicher Mensch, der sicher im Leben steht, auch seine weitere Biografie ist davon geprägt. Entgegen üblicher Erwartungen entstammt Fritz Erlanger aber keineswegs 'geordneten Verhältnissen'. Seine Eltern, Anne Therese, geb. Dessauer und sein Vater Hugo Erlanger trennen sich, als Fritz, ihr einziges Kind elf Jahre alt ist und mit der Trennung endet auch Fritz Familienleben, denn er kommt auf das schon erwähnte Internat 'Wilhelmspflege' in Esslingen.

Fritz Erlangers Eltern - Anne Therese und Hugo Erlanger

Auch die Eltern verlassen das Niederbayerische Pfarrkirchen, wo Fritz am 31.März 1913 geboren wurde und kehren in ihre Geburtsorte zurück: Hugo nach Buchau am Federsee, wo er Textil- und Tabakwaren vertreibt. Relativ jung verstirbt er in einem Ulmer Hospital im Januar 1937. Anne Erlanger wird wieder bei ihren Eltern in Tübingen wohnen, in einer eher wohlhabenden Umgebung, wo Fritz sie öfters besuchen wird. Nach seinem Wegzug von Göppingen im Juli 1941 war Fritz einen Monat lang wieder bei der Tübinger Adresse seiner Mutter gemeldet.

Das Haus der Familie Dessauer, Tübingen, Uhlandstr.16

Hannover - Ahlem: Noch einmal Lehrer sein!
Ab 12. August 1941 ist Fritz Max Erlanger in Ahlem bei Hannover gemeldet, er fand wieder eine Anstellung als Lehrer und zwar an der Israelitischen Gartenbauschule. Diese Einrichtung ging auf das Jahr 1893 zurück, als der Hannoveraner Bankier Alexander Moritz Simon den Kindern der osteuropäischen jüdischen Einwanderern eine gute Ausbildungsmöglichkeit geben wollte. Männliche Jugendliche (Lehrlinge) konnten sich zu Gärtnern oder Handwerkern, z.B. Schustern und Schneidern ausbilden lassen, für weibliche Jugendliche wurde eine hauswirtschaftliche Ausbildung angeboten. Daneben gab es eine Schülerabteilung, in der Volksschulkinder aufgenommen wurden. Generell war die Schule als Internat konzipiert. Als Fritz Max Erlanger eintrifft, war die Gartenbauschule eine der letzten jüdischen Erziehungseinrichtungen auf deutschem Boden. Seitdem es jüdischen Kindern verboten war, allgemeine Volksschulen zu besuchen, war die Zahl der Volksschulkinder, die in der Schülerabteilung der Gartenbauschule unterrichtet wurden, stark angewachsen. Im Mai 1940 waren es 109 Kinder von insgesamt 240 jungen Menschen, die an der Schule lernten. In einem Protokoll aus dieser Zeit erfährt man, dass " ... 109 Jungen und Mädchen von acht Lehrern unterrichtet" wurden. In dieses Kollegium, dem der Direktor Leo Rosenblatt vorstand, wurde Fritz Max Erlanger aufgenommen. Ein Hinweis auf sein Mitwirken stammt vom 2.Oktober 1941, als bei einer Schulkonferenz " unter dem Vorsitz von Direktor Rosenblatt die Ahlemer Lehrer Karl Waldmann, Friedrich Haas, Fritz Erlanger und Meta Schloss mit den Kollegen aus Hannover diskutierten ... "

Edeltraud Lapidas tritt in Fritz Leben
Liebe auf den ersten Blick? Edeltraud Lapidas und Fritz Max Erlanger können sich gerade drei Wochen lang gekannt haben als sie am vierten November in Ahlem heiraten, denn Edeltraud war erst nach dem 20.Oktober von Berlin nach Ahlem gezogen. Edeltraud Lapidas, in Rössel / Ostpreußen geboren, war nur wenige Monate jünger als ihr Ehemann und Erzieherin von Beruf. Es ist nicht überliefert, ob auch sie eine Anstellung in der Gartenbauschule erhalten hatte, bzw. warum sie überhaupt nach Ahlem gekommen war, ihre Wohnadresse war jedenfalls die Gartenbauschule. Bis zur Pogromnacht hatte Edeltraud Lapidas das Jüdische Grunewald - Kinderheim in Bad Saarow geleitet, wo 14 Kinder aus sozial schwachen Familien Ruhe und Erholung finden sollten.

Gedenktafel für Edeltraud Erlanger

Danach arbeitete sie in Berlin in einem jüdischen Krankenhaus und von Juni 1940 bis Oktober 1941 wurde sie Zwangsarbeiterin in den Berliner Siemens - Schuckert - Werken. Leider gibt es kein Foto von Edeltraud Erlanger, in einem Häftlingspersonalbogen aus dem Jahr 1944 findet sich folgende Beschreibung:

Gestalt: mittel, Gesicht: rund, Augen: braun, Nase, Mund und Ohren: normal. Haare: schwarz

Konnten Juden in Deutschland Ende 1941 überhaupt noch offiziell heiraten? In allen späteren Dokumenten werden Edeltraud und Fritz jedenfalls als Eheleute geführt.

Riga, Stutthof, ...
Anfang Dezember 1941 ergeht vom NS - Reichssicherheitshauptamt eine Weisung an
die Hannoveraner Gestapoleitstelle, die Deportation von 1000 Jüdinnen und Juden aus Hannover einzuleiten. Ziel soll die lettische Stadt Riga sein, genauer, das dortige jüdische Ghetto, das kurz zuvor der Ort eines grausamen Verbrechens gewesen war: Anfang Dezember 1941 waren 27 000 lettische Jüdinnen und Juden durch deutsche Sicherheitspolizei und der SD Einsatzgruppe A erschossen worden. So wurde 'Platz' geschaffen für Juden, die aus dem 'Reich' verschleppt werden sollten.Die Neuankömmlinge wohnten somit in den gerade erst, oft fluchtartig verlassenen Wohnungen ihrer lettischen Glaubensgenossen und waren somit ständig mit deren Ermordung konfrontiert.

Als Sammellager für die Deportation aus Hannover wurde ausgerechnet die Jüdische Gartenbauschule ausgewählt, wo keine Voraussetzungen für die tagelange Unterbringung von 1000 Menschen bestanden. Die Betroffenen mussten z.T. bei winterlicher Kälte in den Gewächshäusern auf Strohsäcken übernachten. Der Abtransport von Ahlem begann am Morgen des 15. Dezembers. Mit Lastwagen wurden die Männer, Frauen und über 100 Kinder von Ahlem zur Sonderrampe am Lindener Bahnhof Fischerhof gefahren. Drei qualvolle Tage später erreichte der Transport das Ghetto von Riga. Im Transport waren auch Edeltraud und Fritz Erlanger.

Das Ghetto in Riga wurde ab Sommer 1943 aufgelöst, die noch lebenden Bewohner wurden in das KZ Kaiserwald verschoben. Vor den herannahenden sowjetischen Truppen wurde auch dieses KZ evakuiert und die gequälten Häftlinge ab August 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig gebracht. (Siehe auch Stolpersteinbiografien Rosa und Flora Frank) Hier treffen auch am 1.Oktober 1944 Edeltraud und Fritz Max Erlanger ein, der Häftlingspersonalbogen von Edeltraud ist ein letztes sicheres Lebenszeichen des Ehepaars. Es grenzt schon an ein Wunder, dass beide noch am Leben waren, denn den Transport aus Hannover überlebten gerade 86 von den ursprünglich 1001 Menschen. Wir wissen nicht, ob Edeltraud und Fritz in Riga oder Kaiserwald Kontakt zueinander hatten, die Hoffnung auf ein gemeinsames Überleben dürfte ihnen Kraft gegeben haben. Über die letzten Lebensmonate des Paars wissen wir nichts. Es ist überliefert, dass die Häftlinge aus dem KZ Stutthof auf Todesmärsche geschickt wurden. Vielleicht gelang Fritz Erlanger dabei die Flucht, was die Erklärung zu folgender Familienüberlieferung sein könnte. Dr. Lothar Dessauer, ein Cousin von Fritz Mutter gab 1971 zu Protokoll:

"Ich erinnere mich, dass mein verstorbener Vetter Hermann Levi mir vor vielen Jahren gesprächsweise mitteilte, dass Fritz Erlanger versehentlich von den Russen erschossen worden sei, als er sich mit Kameraden um Lebensmittel bei Bauern bemühte. Angeblich stammt diese Mitteilung von einem Leidensgenossen von Fritz Erlanger, dessen Namen ich begreiflicherweise nicht kenne."

Ermordete Familienmitglieder
Leider sind weder Fritz Max noch Edeltraud Erlanger die einzigen, die aus ihren Familien ermordet wurden:

Fritz' Großmutter väterlicherseits, Luise Erlanger, geb. Neuburger erlag mit 86 Jahren den unmenschlichen Lebensbedingungen im KZ Theresienstadt am 2. September 1942.

Fritz Mutter Anne Erlanger, geb. Dessauer wurde im Oktober 1942 zunächst gezwungen, von Tübingen nach Haigerloch zu ziehen. Von dort kam die schwer krebskranke Frau noch in eine Klinik in Fürth. Wenige Monate später wird auch sie von Nürnberg aus nach Theresienstadt gebracht, wo sie am 30. September 1942 stirbt.

Annes Bruder und Fritz Onkel Ernst Nathan Dessauer, der in Hamburg lebte, wird am

21.Januar 1942 im Ghetto Litzmannstadt (Lodz) ermordet.

Ein weiterer Bruder Annes, Dr. Erich Dessauer, Rechtsanwalt in Stuttgart, wird am 16. Oktober 1944 im KZ Theresienstadt ermordet, seine Frau Emma hatte das Glück, den Schreckensort zu überleben.

Auch Annes Zwillingsschwester Julie Babette Berger, die in Berlin als Lebensmittelhändlerin lebte, wird ermordet und zwar im Dezember 1942 im Vernichtungslager Auschwitz.

Auch die Familie von Edeltraud Erlanger wird von den deutschen Nazis ausgelöscht:

Ihr Vater, Samuel Rischmann Lapidas stirbt im Mai 1942 im Ghetto Litzmannstadt, wenige Monate nach seiner Frau Erna Ernestine. Edeltrauds Mutter starb am gleichen Ort im Oktober 1941. Zwei Monate später endet dort auch das Leben von Egon Julius Lapidas, dem 18 - jährigen Bruder Edeltrauds.

Zum Andenken an Fritz Max Erlanger wurde am zweiten Oktober 2013 ein Stolperstein vor dem ehemaligen Haus in der Göppinger Schillerstraße 33 gelegt.

Sarah Erlanger mit Schülererinnen der Schiller Realschule
Schülerinnen der Uhland-Realschule berichteten über das Schicksal von F.M.Erlanger. Sarah Erlanger spricht über ihren Familienzweig
Sarah Erlanger
Sarah Erlanger, Verwandte von Fritz Max Erlanger

Die Stolpersteininitiative bedankt sich bei Richard Fleischer (gest.), Betty Greenberg, Doris Rosenkranz, sowie Eric und Herbert Steiner für ihre Erinnerungen und viele Fotos. Für das abgebildete Foto von Fritz Max Erlanger, danken wir der Tübinger Geschichtswerkstatt und Herrn Martin Ulmer im besonderen. Herr Christian Pietà, Mitglied der 'Initiative Jüdische Spuren in Bad Saarow', recherchierte die wichtigsten Informationen zu Edeltraud Erlanger, geb. Lapidas.


(16.08.2013,kmr)

Ein Gedanke zu „Erlanger, Fritz Max und die Jüdische Schule in Göppingen

  1. live22

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