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Lendt, Georg und Mathilde

Marktstraße 8

Georg Lendt wurde als zweiter von fünf Geschwistern am 22. Dezember 1873 in Bruss, in Pommern, geboren. Heute liegt diese Stadt in Polen. Sein Vater, Hirsch Lendt, stammte aus Müncheberg, einer Stadt, die im heutigen Bundesland Brandenburg, in der so genannten märkischen Schweiz liegt. Hirsch scheint den Beruf des Kantors ausgeübt zu haben. Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Müncheberg 82 Bewohner jüdischen Glaubens. Die Stadt wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu 90 % zerstört, Spuren jüdischen Lebens sind außer einem Friedhof nicht mehr zu finden. Die Lebensstationen der Familie Lendt, wie die des Sohnes Georg, liegen im Dunkeln. Auch der Weg Georg Lendts vom damaligen Preußen nach Frankfurt am Main, wo er anscheinend eine Zeitlang lebte, lässt sich nicht verfolgen. Hatte er dort die Familie seiner zukünftigen Frau kennen gelernt?

Am 23. Dezember 1903 heirateten Georg Lendt und Mathilde, geborene Dahlberg, in Göppingen. Georg Lendt übte den Beruf des Kaufmanns aus. Erst im Juni 1911 nahm er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern die württembergische Staatsangehörigkeit an.

Mathilde Lendt, geb. Dahlberg
Mathilde Dahlberg war am 19. August 1875 in Großostheim im Regierungsbezirk Aschaffenburg als die älteste Tochter des Kaufmanns Bernhard Dahlberg (1845 – 1915) geboren worden. Ihre Mutter Amalie, geborene Gärtner (1849 – 1903), stammte wie ihr Mann auch aus Großostheim. Noch weitere vier Kinder kamen dort zur Welt. Am 20. März 1895 zog die ganze Familie, die Eltern Dahlberg mit vier Mädchen und einem Jungen, der jüngste im Geschwisterkreis, nach Frankfurt am Main. Dank der Recherchen Paula Kienzles über das Leben der Juden Rottenburgs im 18. und 19. Jahrhundert weiß man, dass ein Jahr später die zwei ältesten Töchter, Mathilde, 21 Jahre alt, und Johanna, 19 Jahre alt, in Rottenburg am Neckar ein „Warenhaus für Putz- und Mode-Artikel, Kurz-, Weiss- und Wollwaren“ eröffneten. Der Vater Bernhard Dahlberg bürgte für seine damals noch nicht volljährige Tochter Johanna. Die Firma war eine offene Handelsgesellschaft, in der „jede der Teilnehmerinnen… allein berechtigt (war), die Firma zu zeichnen“. Ende des 19. Jahrhunderts so junge Firmeninhaberinnen und Chefinnen – das war eine Besonderheit nicht nur in Rottenburg! 1902 eröffneten die ‚Geschwister Dahlberg’ in Reutlingen ein Warenhaus mit demselben Angebot und 1903 in Göppingen! Das Göppinger Warenhaus ‚Geschwister Dahlberg’ befand sich in der Marktstraße 11. Welche zwei von den vier Dahlberg-Schwestern dort die Geschäftsinhaberinnen waren, kann nicht geklärt werden, da in der ‚Göppinger Zeitung’ vom 5. März 1903 und auch in anderen Anzeigen immer nur von den ‚Geschwister Dahlberg’ geschrieben wird. Es ist aber zu vermuten, dass Mathilde, jetzt 28 Jahre alt und mit mehrjähriger Geschäftserfahrung, neben ihrer acht Jahre jüngeren Schwester Minna das Geschäft führte. Der Vermieter des Ladens mit Ladenstube und Magazin in der Marktstraße 11 war der Hausbesitzer Wiedemann. Das Geschäft und die Firmenlizenz hatten sie vom vorherigen Besitzer Hugo Levi käuflich erworben.

Georg und Mathilde Lendt

Das Kaufhaus Georg Lendt
Am Ende des Jahres 1903 kam Georg Lendt als Dritter in die Geschäftsführung. Mathilde hatte dem 30-Jährigen vor dem Traualtar ihr Ja-Wort gegeben. Zusammen planten sie, im Zentrum der Stadt ein neues Geschäft aufzubauen. Große Anzeigen in der ‚Göppinger Zeitung’ wiesen auf dieses Ereignis hin, sei es der totale Ausverkauf des Geschäfts in der Marktstraße 11 als auch die Neueröffnung am Mittwoch, den 14. September 1904, in der Marktstraße 8. Dieses große Gebäude hatte das jung vermählte Paar angemietet, Besitzer war der jüdische Fabrikbesitzer Leopold Heumann. Die Firma ‚Heumann und Sohn’ kam ursprünglich aus Jebenhausen und hatte hier seit ca. 1875 leinene und baumwollene Waren hergestellt. 1902 hatte Leopold Heumann seine ‚Mechanische Weberei’ nach Schirmeck im Elsass verlegt. Das Ehepaar Lendt zog in das stattliche Gebäude: Im Erdgeschoss befanden sich die Verkaufsräume, die in zwei miteinander verbundenen Gebäuden lagen, in den zwei obersten Stockwerken richtete die Familie ihre Privatwohnung ein. An das Gebäude schloss sich noch ein Hofraum an und ein Gemüsegarten in der Unteren Marktstraße gehörte mit zur Immobilie. Am 1. Oktober 1904 vergrößerte sich die Familie um eine Tochter, ihr Name Margarete. Drei Jahre später bekam sie ein Geschwister, die Tochter Gertrud, geboren am 29. Juli 1907. Beide Töchter wuchsen im Wohlstand auf, denn die Geschäfte von Georg Lendt gingen sehr gut – 1911 konnte er das Nachbargebäude in der Marktstraße 6 erwerben.

Das Kaufhaus Lendt etwa 1905
Das Warenhaus Georg Lendt in einem frühen Stadium

Was konnte man im Kaufhaus Georg Lendt kaufen? Eigentlich alles! Schon das Eröffnungsangebot im September 1904 zeigte die breite Produktpalette, die Kurzwaren, Baumwollwaren, Seife und Parfüm, Steingut, Wäsche und Schürzen, Haushaltungssachen, Glaswaren, Herrenwäsche und Schirme, Emaille, Futterstoffe, Tapisserie und Blechwaren umfasste. Die Waren bot der Kaufmann Lendt preiswert an, da er sie kostengünstig eingekauft hatte. Wenn er einen Sonderposten auf dem Markt erstanden hatte, warb er damit großflächig in der Zeitung, wenn der Sonderposten ausverkauft war, holte er weitere ‚Schnäppchen’ in den Laden. So wechselten die Produkte ständig, mal gab es Handschuhe, Krawatten, Mäntel, dann Unterröcke und Korsetts für die Damen, ein andermal gab es Schulranzen, Bücher und Bleistifte, dann wieder Lampen und Körbe, es konnten aber auch Bilder, Kerzen oder Spazierstöcke im Angebot sein. Die Warenvielfalt schien grenzenlos und die günstigen Preise lockten die Käufer von Stadt und Land an. Und wenn ein Produkt mal nicht so gut lief, dann konnten sich die Käufer über zusätzliche Rabatte freuen. Das Geschäft war auf jeden Fall eine Fundgrube und die Konkurrenz konnte bei diesem Angebot nicht mithalten. Wie ein Zeitzeuge sich erinnerte, hatte Georg Lendt ein Herz für Kinder, denn sie bekamen beim Einkauf mit der Mutter oft noch ein kleines Geschenkle zugesteckt.

Georg Lendt nutzte seine Talente aber nicht nur für seinen geschäftlichen Erfolg, sondern brachte sich auch in die israelitische Gemeinde Göppingens ein. Ab Juli 1927 hatte er die Aufgabe des Schriftführers im ‚Israelitischen Männer- (Unterstützungs-)Verein’ übernommen und war auch in dessen Vorstand. Auch seine Frau Mathilde engagierte sich in der Gemeinde als Ausschussmitglied des ‚Israelitischen Frauenvereins’. Ebenso die älteste Tochter Margarete, die als Bibliothekarin im ‚Israelitischen Jugendverein’ ihr Wissen einbrachte.

Gertrud Rohrbacher,geb. Lendt

Die jüngere Schwester Gertrud heiratete 1927 Siegfried Rohrbacher, der in vielfältigen israelitischen Vereinen der Stadt seine Mitarbeit und Ideen einbrachte. 1933 gründete das Ehepaar Rohrbacher mit anderen israelitischen Gemeindemitgliedern eine Zionistische Ortsgruppe in Göppingen.

Die moderne bauliche Erweiterung etwa 1930

Ein Glück, dass es im Hause Lendt-Rohrbacher eine Begeisterung für das Filmen gab. Bei der Geburtstagsfeier von Mathilde Lendt im Jahr 1935 sieht man auf einem Film die ganze Familie an der Kaffeetafel vereint. Gute Stimmung herrscht, der Hausherr Georg Lendt wirkt vergnügt, seine Mimik und seine Körperhaltung strahlen Zufriedenheit aus. Seine Frau Mathilde, 60 Jahre alt, die zeitlebens an der Seite ihres Mannes im Geschäft mitgearbeitet hatte, wirkt ausgeglichen und scheint sich in ihrer Rolle und Position wohl zu fühlen. Dieser Film, den Stadtarchivar Dr. Rueß von Gertrud Rohrbacher kurz vor ihrem Tod erhalten hatte, ist ein Dokument von unschätzbarem Wert. Später sind diese Privataufnahmen in den Film ‚Alle Juden raus’, einem Dokumentarfilm über die ‚Judenverfolgung in einer deutschen Kleinstadt von 1933-1945’, eingearbeitet worden.

Die ‚Arisierung’ des Kaufhauses Georg Lendt
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im März 1933 mündete das Leben dieser Familie, wie auch der anderen jüdischen Menschen in Deutschland, in ein Inferno. Als Kaufmann, noch dazu erfolgreicher, bekam Georg Lendt gleich den Neid seiner ‚arischen’ Mitbürger zu spüren. Der Boykott seines Geschäfts am 1. April 1933, die Ausgrenzung aus der Gesellschaft durch die ‚Nürnberger Rassengesetze’ im Jahr 1935 veranlassten Tochter und Schwiegersohn Rohrbacher im Dezember 1936 mit ihrer dreijährigen Tochter Mirjam und dem zehn Monate alten Sohn Michael nach Palästina auszuwandern. Das Nazi-Hetzblatt ‚Flammenzeichen’ kommentierte den Weggang der Familie Rohrbacher mit folgenden Worten:

„Der Jude Rohrbacher, der seine Schmier- und Putzmittelfabrik, Marke `Kinessa` vor Wochen verkauft hat, ist mit seiner Frau, geb. Lendt, Tochter des Warenhausjuden angeblich in die Schweiz abgereist. Offenbar geht das Warenhausgeschäft doch nicht so, daß Schwiegervater und Schwiegersohn mit Familie davon leben können.“ Im Sommer 1947 emigrierte die Familie aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen in die USA.
Die ältere Tochter Margarete – genannt Grete –,verheiratet seit 1930 mit Kurt Goldschmidt, lebte mit Mann und Sohn Steven, geboren 1933, seit einigen Jahren in Köln. Von dort flüchteten sie 1939 zunächst nach England, dann emigrierten sie in die Vereinigten Staaten von Amerika.

Zerstörungen nach der Pogromnacht 9.11.1938

In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 erlebte das Ehepaar Georg und Mathilde Lendt schreckliches! Nach einem Kameradschaftsabend ’zu Ehren’ des missglückten Hitlerputsches von 1923, fühlte sich der Mob des Dritten Reichs so richtig stark. Besonders der SA - Obersturmbannführer Otto Schraag demonstrierte – angeheizt vom Bier – seine primitive Gewalt. Als Rädelsführer ließ er sich in einem Kübelwagen in die Marktstraße 8 zum Kaufhaus Lendt fahren. Dort begann er voll Wut und Hass mit seinen Stiefeln in die Schaufenster des Geschäfts zu treten. Auch in die Privatwohnung der Familie Lendt scheint er eingedrungen zu sein, um diese zu verwüsten. Trotz der schwer wiegenden Verdachtsgründe konnte dem Angeklagten Schraag nach dem Krieg weder die systematische Zerstörung der Schaufenster nachgewiesen werden, noch dass er die Gewalttätigkeiten gegen das Kaufhaus Lendt geleitet hatte. Mehrere Zeugen bestätigten, dass sich in der Nacht vor dem Kaufhaus Lendt eine Menschenmenge von „mindestens 15 Köpfen“ zusammengerottet und mit vereinten Kräften Gewalttätigkeiten begangen, unter anderem die Schaufenster des Kaufhauses Lendt zertrümmert hätte. Wenn auch in den Strafgerichtsverfahren in den Jahren 1948 und 1949 nie geklärt wurde, wer welche Straftat gegen das Ehepaar ausgeübt hat, ob der Anführer Schraag oder aus der Menschenmenge, Tatsache war, dass die acht Schaufenster des Kaufhauses zu Bruch gegangen waren, die Auslagen auf der Markstraße verstreut herumlagen. Der Angeklagte Schraag wurde letztendlich „wegen eines Vergehens des Landfriedensbruchs“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.

Zehn Jahre später gab eine ehemalige Angestellte des Kaufhauses Lendt bei den Verfahren zur Wiedergutmachung zu Protokoll, dass am Tag nach der Pogromnacht ein Einschussloch in einer Zimmerdecke des Hauses zu sehen gewesen wäre. Und die Tochter Margarete Goldschmidt, die in diesen Tagen bei ihren Eltern zu Besuch war, ergänzte, dass sie mit einer Schusswaffe attackiert worden wäre. Kein Gericht im nationalsozialistischen Deutschland sprach nach der Pogromnacht 1938 Recht für die geschädigten und gefangen genommenen Juden – doch auch nach dem Zusammenbruch des Unrechtsstaates blieb die Rechtsprechung in Deutschland noch lange davon überzeugt, dass Verbrecher des nationalsozialistischen Staates nicht zu verurteilen wären, da sie ja nach dem damaligen Recht gehandelt hätten. Georg Lendt war wie die anderen männlichen Bürger jüdischen Glaubens der Willkür des NS - Regimes ausgesetzt. Er wurde in der Nacht des 9. November 1938 verhaftet und musste 24 Stunden im Göppinger Gefängnis verbringen. Er hatte noch das ‚Glück’, nicht wie 27 andere Männer der israelitischen Gemeinde Göppingens zur ‚Umerziehung’ ins KZ Dachau geschickt zu werden. Er konnte nach Hause in die Marktstraße 8 zurückkehren, aber nicht für lange.
Durch die Erlasse und Maßnahmen ab April 1938, die die sogenannte „Entjudung der Wirtschaft“ zum Ziel hatten, hatte Georg Lendt einen starken Gewinnverlust zu verzeichnen. Es blieben die Käufer wie auch die Zulieferer aus. So entschloss er sich, sein Geschäft zu verkaufen. Wenige Tage nach der Pogromnacht begann er Verhandlungsgespräche mit einem Faurndauer Kauf - Interessenten. Das kam dem Göppinger Nazi - Oberbürgermeister Dr. Pack zu Ohren. Er drohte dem Verkäufer Lendt wie auch dem Käufer: Falls sie nicht von den Verkaufsverhandlungen zurücktreten würden, würde er Maßnahmen gegen sie ergreifen. Er plante nämlich, seinem Kegelbruder Carl Theile die Firma zukommen zu lassen. Kaufmann Theile hatte den Tipp von seinem Bekannten, dem SA - Obersturmbannführer Schraag bekommen, denn jüdische Firmen konnte man in dieser Zeit sehr ‚günstig’, weit unter dem realen Preis erwerben. Der nationalsozialistische Klüngel der Stadt hielt zusammen. Sie setzten Georg Lendt bei den Verkaufsverhandlungen unter Druck – gezwungenermaßen, da rechtlos, musste er alle Nachteile für sich als Verkäufer hinnehmen und den NS-Sympathisanten Theile als Käufer akzeptieren.

Nach der 'Arisierung' durch Krayl und Theile

Im Dezember 1938 eröffnete Carl Theile das Kaufhaus – nunmehr ‚arisiert’. Als Teilhaber trat in die offene Handelsgesellschaft Karl Krayl ein, der jedoch nur bis Mai 1939 in der Firma tätig war. Carl Theile kam durch die Rückforderung seines ehemaligen Teilhabers, der 70.000 RM in die Firma eingebracht hatte, in gewaltige Zahlungsschwierigkeiten. Wieder sprang Dr. Pack ein, stellte die Verbindung zu seiner mittellosen Schwägerin Thekla Dietrich her, der er 10.000 RM vorstreckte. Theile musste notgedrungen ein zusätzliches Darlehen von 50.000 RM aufnehmen, sonst hätte er Konkurs anmelden müssen. Gewinne waren bei diesen Finanzierungsschwierigkeiten und bedingt durch die Kriegszeit kaum zu verzeichnen. Demzufolge war auch der Verkaufswert des Kaufhauses, als die Erben von Georg Lendt es im Zuge der Wiedergutmachung 1949 von Carl Theile zurückerstattet bekamen, stark gesunken. Übernommen und wieder eröffnet wurde das ehemalige Kaufhaus Lendt im April 1949 von der Kaufhausgesellschaft Orion.

Heutige Ansicht der Häuserzeile

Die Denunziation
Georg Lendt konnte den wirtschaftlichen Niedergang seiner Firma von seiner neuen Wohnung aus beobachten. Seiner Frau und ihm waren nach dem erzwungenen Verkauf zwei Zimmer und eine kleine Küche in dem ehemaligen Haus des jüdischen Mitbürgers Carl Veit in der Wilhelm-Murr-Straße – heute Mörikestraße 30 – zugewiesen worden. Die Zimmer müssen vollgestopft gewesen sein, denn das Ehepaar Lendt hatte versucht, das Mobiliar aus der früheren, großzügig geschnittenen Wohnung mitzunehmen, in der es einen Salon mit einem Klavier gab, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, zwei Kinderzimmer und einen Aufenthaltsraum für die Kinder, ein Gästezimmer und eine modern eingerichtete Küche. Die Lendts waren vermögende Leute gewesen, die Einrichtung, die Teppiche, Geschirr und Tafelsilber zeugten von hoher Qualität und entfachten die Gier der Gestapo. Laut Zeugenaussagen bei den nach 1945 durchgeführten Wiedergutmachungsverfahren bekamen die Bewohner der Wilhelm- Murr-Straße immer wieder überraschende Kontrollbesuche von der örtlichen Kriminalpolizei, die dabei das ein oder andere wertvolle Stück, das ihnen gefiel, mitgehen ließ. Wenn etwas Verdächtiges zu melden war, dann hatte sie es an die Gestapostelle in Stuttgart weiterzugeben. Wurde auch gemeldet, dass Mathilde Lendt schwer an Gebärmutterkrebs erkrankt war und – möglicherweise ohne schmerzlindernde Medikamente – an ihren Wucherungen im ganzen Körper am 18. August 1940 um 7:00 Uhr in der Wohnung gestorben ist?

Hat sich ihre frühere Haushälterin Margarete Böhringer, verheiratete Häfele, schon damals um die Ausgegrenzten gekümmert? Als Georg Lendt ab dem 1. September 1941 den ‚Gelben Stern’ tragen musste, wurde es Gretel, wie sie allgemein genannt wurde, verboten, in Kontakt zu ihren früheren Arbeitgebern zu treten oder ihnen behilflich zu sein. Georg Lendt setzte sich ab September 1941 für die kleine Göppinger jüdische Gemeinde ein. Die wenigen Menschen, die hier noch lebten, fragten sich ständig, welcher Willkür sie schon am nächsten Tag ausgesetzt sein würden. Manche von ihnen litten zusätzlich noch an Hunger, da ihre Ersparnisse aufgebraucht waren. Dann kam es einem Geschenk des Himmels gleich, wenn eine mutige Frau diesen Menschen heimlich und selbst in der Gefahr, erwischt zu werden, Eier und Butter zukommen ließ. Margarete Häfele, die Frau des Flaschnermeisters Häfele aus Göppingen, Mutter eines sechs Monate alten Mädchens, hatte im Juni 1942 acht bis zwölf ungestempelte Eier Georg Lendt zukommen lassen. Jüdische Bürger bekamen unter strenger Kontrolle Nahrungsmittel auf Marken zugewiesen. Wer sich nicht an die Gesetze hielt, wurde wegen eines Vergehens gegen die „Verbrauchsregelungsordnung“ angeklagt und bestraft. Frau Häfele muss bei ihrer Hilfsaktion beobachtet worden sein. Noch heute wissen Zeitzeugen zu berichten, dass sie denunziert worden sei. Von wem, darüber gibt es bis heute nur Gerüchte. Als die Gestapo davon Wind bekam, schickte sie Kriminalbeamte in die Küche Lendts. Man fand Eier und ein wenig Butter – und man konfiszierte nicht nur die Eier und die Butter, sondern gleich den ganzen Kühlschrank und brachte ihn zur Gestapostelle nach Stuttgart. Georg Lendt wurde sofort verhaftet. Auch Frau Häfele kam vor die Polizei, man verhörte sie und drohte ihr Strafe an – eventuell drohte man ihr, sie in ein Konzentrationslager zu bringen. Da ihr Mann auf Montagereise war, lebte sie zu der Zeit allein mit ihrem Baby in ihrer Wohnung in der Gerberstraße. Sie ertrug die Situation nicht und tötete sich durch Erhängen. Erst vier Tage später fand man ihren Leichnam, das Kind lebte noch. Karl Häfele zog mit seinem kleinen Töchterchen in die Wohnung seiner Eltern in der Ulrichstraße. Ob er wusste, wer seine Frau denunziert hatte? Wie kann es sein, dass die Nachbarn in dem Haus, in dem jeder jeden kannte, auf das Schreien des Säuglings nicht geachtet haben?

Ob Georg Lendt in Göppingen ins Gefängnis kam oder in Stuttgart in „Schutzhaft“ war und für wie lange, darüber gibt es unterschiedliche Angaben. Verhaftet wurde er 13. Juni 1942. Am 22. August 1942 wurde er ins KZ Mauthausen in Österreich deportiert, das in der Nähe von Linz liegt. Eventuell befand sich Herr Lendt in der Zeit dazwischen noch im Konzentrationslager Welzheim. Sein Todesort, war das Konzentrationslager Mauthausen, wo er am 24.August 1942 ermordet wurde. Es galt als das Lager im gesamten KZ-System, in dem am brutalsten gegen die Häftlinge vorgegangen wurde. De facto war dort jeder Häftling ein Todeskandidat. Da Georg Lendt sich schon im 69. Lebensjahr befand, kam er für die berüchtigte Strafkompanie im Steinbruch nicht mehr infrage. Solcher im KZ-Sinne arbeitsunfähiger Menschen und unnötiger Esser entledigte man sich auf einfache Weise: Man trieb die Gefangenen über eine Linie. Wenn sie diese Linie überschritten hatten, hatte der KZ-Wächter den Befehl, die ‚Fliehenden’ zu erschießen. So ist es zu erklären, dass in der Akte Georg Lendts als Todesursache steht: „Auf der Flucht erschossen“. Nach der Rechtsprechung während der NS-Zeit und auch danach waren die KZ-Wachmänner unschuldig, da sie ja ihrem Befehl entsprechend handelten – nämlich ‚Fliehende’ auf ihrer Flucht zu erschießen!

Eliese Jungermann, geb. Lendt / Karl Jungermann

Opfer der Nazis wurde auch die Familie von Eliese Jungermann, der 1877 geborenen Schwester Georg Lendts. Eliese lebte mit ihrem Ehemann Karl (Chil) Jungermann zunächst in Berlin, wo zwei Söhne und eine Tochter zur Welt kamen. Das Ehepaar floh in der NS-Zeit zusammen mit ihrem ältesten Sohn Martin in die Niederlande. Martin heiratete in Amsterdam die Niederländerin Eva Komkommer und im August 1936 wurde Elieses Enkelkind Jacques Jungermann geboren. Im Mai 1943 wurden Eliese und Karl Jungermann ins Vernichtungslager Sobibor verbracht und dort ermordet. Ihre Schwiegertochter Eva sowie deren 7-jähriger Sohn Jacques kamen im Juni 1943 ebenfalls in Sobibor ums Leben, während Martin Jungermann schon im Juli 1942 im Vernichtungslager Auschwitz ermordet worden war. Ein weiterer Verwandter, nämlich Norbert Nathan Garnmann, Witwer von Georg Lendts schon 1922 verstorbener Schwester Sarah, wurde im Jahr 1943 in Auschwitz ermordet.

Am 1. Mai 2014 legte Gunter Demnig die Stolpersteine für Mathilde und Georg Lendt vor dem Haus Marktstraße 8, in dem das Ehepaar gewohnt hatte, und wo sich auch ihr Kaufhaus befand.

SchülerInnen des Werner Heisenberg - Gymnasiums bei der Stolperstein-Verlegung

Schülerinnen und Schüler des Werner Heisenberg - Gymnasiums umrahmten die Verlegung mit Texten und zeigten Grafiken, die sie zum Schicksal des Ehepaars gestaltet hatten.

Eine Darstellung von Georg Lendts Lebensweg

(30.01.2017 clm)

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