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Barbian, Jakob

Metzgerstr.72

Leider haben wir bis jetzt kein Bild von Jakob Barbian.
Wie können wir uns Jakob Barbian vorstellen? In der Gefängnisakte des Vollzugsgefängnisses Ulm finden sich folgende Angaben:
„180 cm groß, 65kg, kräftiger Körperbau, mittlerer Ernährungszustand, Gebiss: große Lücken“

Jakob Barbian wurde am 23. November 1900 in Neunkirchen an der Saar als Sohn eines Bergmanns geboren und evangelisch getauft.
Bereits im Alter von zehn Jahren verlor er seinen Vater und erlebte sicherlich eine Kindheit in materieller Not. Nach dem Besuch der Volksschule wurde er – wie sein Vater- Bergmann.

Mit 17 Jahren meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und zog als Infanterist in den Ersten Weltkrieg. Angeblich erlitt er eine Gasvergiftung. 1918 wurde er durch einen Minensplitter bei Cambrai verwundet und verlor an seiner linken Hand den Daumen und Mittel- und Zeigefinger.
Im Kriegsverlauf wurde er mit dem EK II und dem Bayerischen Verdienstkreuz ausgezeichnet.

Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er in einer Grube bei Dortmund als Lokomotivführer und heiratete 1921 Gertrud Wiederhorst. Im folgenden Jahr wurde der Sohn Jakob Bernhard geboren. Allerdings wurde diese Ehe in gegenseitigem Einvernehmen 1932 geschieden.

Auch in beruflicher Hinsicht war er vom Pech verfolgt. Bei der Schlagwetterexplosion auf der Schachtanlage ‚Anna’ am 21.10. 1930, mindestens 262 Bergarbeiter verloren ihr Leben, zog sich Jakob Barbian eine Rückenverletzung zu. Seine letzte Schicht verfuhr er am 03. 02. 1932.

Die kommenden Jahre waren geprägt von Arbeitslosigkeit, Diebstahl und Warenschiebereien nach Holland und Gefängnisstrafen.
1937 lichtet sich wieder der Schleier über seinem Leben. Jakob Barbian wagte im Mai 1937 einen großen Ortswechsel. Er zog von Aachen nach Geislingen an der Steige und nahm eine Arbeitsstelle als Lokomotivführer in der Grube ‚Karl’, die zur ‚Guten Hoffnungshütte’ gehörte, an.

Doch er wurde wieder vom Pech verfolgt. Bereits am zweiten Arbeitstag widerfuhr ihm ein Betriebsunfall und er kam stationär ins Göppinger Krankenhaus. Hier muss er seine zweite Ehefrau, die zwölf Jahre ältere und bereits zweimal verwitwete Katharina, geborene Kingeter, kennen gelernt haben. Sie heirateten am 18. September 1937 und Jakob Barbian zog zu ihr in die Wohnung in der Metzgerstraße 72. Frau Barbian bemerkte in einer Wiedergutmachungsakte: „Mein Mann brachte außer den Kleidern nichts in die Ehe.“ Zu den zwei angeheirateten Kindern baut Jakob Barbian ein gutes Verhältnis auf.

Metzgerstr. 72 Göppingen

Beruflich ging es für ihn auch wieder bergauf. Er bekam bei der Firma Boehringer eine Stelle als Schreiner und Lackierer. Doch langfristig kehrte keine Ruhe in das Leben von Jakob Barbian ein. 1939 war er fünf Monate wegen Asthma krank, auch seine Ehefrau kränkelte und litt unter Bluthochdruck und Herzanfällen. Vielleicht war er deshalb an einem außerehelichen Abenteuer interessiert, als sich ihm die Gelegenheit dazu bot.

Ende 1939 lernte er die „lebenslustige und Männerbekanntschaften zugeneigte“ Hausfrau Regine Kurz aus Göppingen über eine Bekannte kennen und nun nahm das Verhängnis seinen Lauf. Diese Hausfrau war schwanger von dem tschechischen Untermieter ihrer Schwiegermutter und bat Barbian um Hilfe. Anfangs lehnte er konsequent ab und verwies auf das hohe Strafmaß für Abtreibungen. Doch dann gab er ihr den Tipp, es mit zerdrückter Kernseife zu versuchen. Hoffte er auf ein Schäferstündchen?
Der Ehemann von Frau Kurz, Karl Kurz, kam 1940 auf Heimaturlaub, erfuhr von der Beziehung seiner Frau zu Barbian und stellte gegen ihn einen Strafantrag wegen Beleidigung „…dass er die Ehefrau eines im Felde stehenden Volksgenossen zum Ehebruch verführte “ und wegen angeblicher Beihilfe zur Abtreibung.
Warum er ausgerechnet Barbian anzeigte, obwohl seine Ehefrau verschiedene Liebschaften hatte, konnte ich bis jetzt noch nicht herausfinden.
Anmerken möchte ich aber, dass es sich bei diesem Karl Kurz um eine zwielichtige Person handelte. Er führte ein Doppelleben. In Düben an der Mulde in Sachsen hatte er ein Liebes- und später Eheverhältnis mit einer Frau.
Aus dieser Beziehung ging ein Sohn hervor und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Karl Kurz wegen Bigamie verurteilt.

Nun zu Jakob Barbian und der Tragödie, die zu seinem Tod führt. Er wurde am 27. Februar von der Gestapo Stuttgart verhaftet und kam über das Untersuchungsgefängnis in Göppingen nach Welzheim ins KZ-Lager. Am 3. Mai 1940 wurde er vom Amtsrichter in Göppingen für die „Beleidigung“ und wegen Beihilfe zur Abtreibung zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt. Außerdem hatte der Angeklagte die Kosten für das Verfahren zu bezahlen. Ausgeführt in der Urteilsverkündung lauteten die Gründe:
„Beleidigung des im Feld stehenden Wehrmachtsangehörigen Karl Kurz, weil er geschlechtliche Beziehung zur Ehefrau Regina Kurz, geb. Oesterle, anknüpfte“
Und:
„Beihilfe zur Abtreibung, weil er Regina Kurz, die ehebrecherisch mit Tschechen verkehrt hatte…Rat erteilte, mit Seifenzäpfchen Frucht abzutreiben.“
Nun war Barbian in den Klauen der Nazis. Es gab für ihn kein Entrinnen mehr. Zuerst wurde er in die Vollzugsanstalt Ulm verbracht. Nach Verbüßung seiner Haft wurde er sofort auf Anordnung der Gestapo Stuttgart am 3. August 1940 zur Prüfung der Schutzhaftfrage mittels Sammeltransport in das Polizeigefängnis II „zugeliefert“.
Er wurde wegen Bandenschmuggels und der 3jährigen Gefängnisstrafe aus den 30er Jahren als Krimineller abgestempelt und wegen politischer Umtriebe in Schutzhaft genommen.
Am 11. Oktober wurde er - nach der „Überprüfung“!- in das Konzentrationslager Dachau eingeliefert und bekommt die Häftlingsnummer 20 494.
Vom 9. Mai bis zum 12. Mai befand er sich dort in Kommandanturarrest. Dies war eine besonders harte Bestrafung innerhalb des Konzentrationslagers.

Personalkarte - Jakob Barbian (KZ-Dachau)

„Der Bunker war Teil des Strafsystems, das der Brechung der Persönlichkeit dienen sollte. Kommandanturarrest bedeutete in der Regel Einzelhaft, Dunkelhaft, Essensentzug. Sadisitsche Übergriffe des Wachpersonals waren an der Tagesordnung. Geringfügige ‚Vergehen‘ reichten für eine derartige Bestrafung aus. Stehzellen waren eine nochmals verstärkte Form des Arrests." (aus: Brief von Axel Braisz, isd-arolsen)

Am 12. Juli 1941 wurde er dem Arbeitskommando des KZ-Buchenwald überstellt. Er erhielt die Häftlingsnummer 8300.

Personalakte Jakob Barbian - KZ Buchenwald Blatt 1
Personalakte Jakob Barbian - KZ Buchenwald

komplette KZ-Buchenwaldakte hier zum PDF-Download

Am 18. März 1943 um 6.55 Uhr verstarb Jakob Barbian im Konzentrationslager Buchenwald. Angeblich war die Todesursache eine Nierenentzündung.

Seine Witwe Käthe Barbian sagte später in einem fragwürdigen Wiedergutmachungsverfahren, das ihr keine Entschädigung zukommen ließ: „Als ich seine Kleider zurückbekam, fand ich einen Zettel eingenäht, in einer Jacke, den mein Mann geschrieben hat:
‚Viel erlebt, u. viel gelitten, mitten durch den Dreck geschritten, ausgehalten bis zum Schluß.
Lazarus’“

(03.02.2016 at)

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