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Regensburger, Julius

Querstraße 16

Der Vater von Julius Regensburger war Viehhändler mit eigenem Betrieb. Viele jüdische Bürger – Dr. Aron Tänzer nennt über 20 Namen in seinem Buch 'Die Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen' – übten diesen Beruf aus. Nach der jüdischen Religion ruhte Gott am siebten Schöpfungstag, am Sabbat. Dieser Tag ist den Menschen jüdischen Glaubens heilig, sie sind angehalten, jegliche Arbeit zu unterlassen und sich der Lektüre der Tora zu widmen. Die religiösen Vorschriften konnten Juden nicht erfüllen, wenn sie bei einem christlichen Arbeitgeber angestellt waren und sechs Tage lang von Montag bis einschließlich Samstag arbeiten mussten. Daher entschieden sich viele von ihnen für die Selbstständigkeit in ihrem Beruf, so auch der Vater von Julius Regensburger.

Die Zusammenarbeit von Juden und Nicht-Juden im Viehhandel
Kurz nachdem der Freiherr von Liebensstein 1777 den Zuzug von Schutzjuden ermöglicht hatte, siedelte sich der Stammvater Jonathan Regensburger mit seiner Familie in Jebenhausen an. Wie auch in anderen Regionen Deutschlands lag die wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit der Jebenhäuser Schutzjuden hauptsächlich im Handel. Sie waren nicht wie die heimischen Bauern an ihren Grundbesitz gebunden, sondern konnten als Reisende ihren Lebensunterhalt u. a. als Vertreter oder als Viehhändler verdienen. Im ausgehenden 18. Jahrhundert belebten neue Züchtungen bei Nutz- und Schlachtvieh die Viehmärkte und führten zu einem wirtschaftlichen Aufschwung der Handelsorte. Die Bauern, waren gebunden an ihre Besitzungen mit den alltäglich zu verrichtenden Arbeiten. Das hinderte sie, die langen Fußmärsche zu den Märkten zu machen um Vieh zu kaufen oder zu verkaufen. Daher beauftragten sie jüdische Viehhändler als Zwischenhändler. Hand in Hand mit den jüdischen Viehhändlern arbeiteten die jüdischen Metzger. Für ihre Tätigkeit, das Schächten, wurden sie extra ausgebildet und auch als geprüfte diplomierte Schächter regelmäßig überprüft, ob ihr religiöser Lebenswandel dieser hohen ethischen Aufgabe entsprach. Der Zustand ihrer Schächtmesser wurde regelmäßig kontrolliert, damit bei der Tötung des Tieres ein schnelles Ausbluten des Fleisches gewährleistet war. Nur das Fleisch, das vom Blut völlig gereinigt war, galt als ‚koscher’ (rein) und entsprach den Speisevorschriften der Tora. Durch die gute Zusammenarbeit von jüdischen Viehhändlern und Metzgern, durch den hohen Anspruch an die Qualifikation dieser Berufe, konnten die Regeln für koscheres Essen – früher wie heute – garantiert werden.

Rund um die Viehmärkte entstanden koschere Speiselokale, Nebenprodukte wie Felle, Häute, Leder oder Fette wurden gehandelt. Die Märkte gewannen zusehends an Bedeutung. Anfänglich begegneten Nicht - Juden den Vieh- und Fellhändlern mit Misstrauen wegen ihrer jüdischen Sitten, z. B. am Samstag auf keinen Markt zu gehen oder wegen ihrer eigenen Sprache, die nur unter den Viehhändlern gängig war und sich aus dem Hebräischen ableitete. Doch da sie Experten auf ihrem Gebiet waren, reelle Preise hatten und vorteilhaft bedienten, wich die Skepsis und jüdische Viehhändler traten mehr und mehr als Zwischenhändler auf. Sie fuhren übers Land, kauften den Bauern Jung - und Schlachtvieh ab und veräußerten es an andere Landwirte oder Metzger. Teilweise über mehrere Generationen bestanden diese Geschäftsbeziehungen zwischen den christlichen Landwirten und den Juden und das erklärt, warum im landwirtschaftlich geprägten Raum wie die Umgebung von Göppingen die Berufsgruppe der jüdischen Viehhändler überdurchschnittlich stark vertreten war.

Nach der rechtlichen Gleichstellung der Juden in Württemberg 1864 und nachdem die israelitische Oberkirchenbehörde per Erlass die Gründung einer selbstständigen israelitischen Gemeinde in Göppingen genehmigt hatte, zog auch der Viehhändler Regensburger von Jebenhausen in die nahe gelegene Stadt Göppingen.

Julius Regensburgers Leben vor 1933
Julius Regensburger, erster Sohn von Adolf Regensburger und seiner Frau Rebekka, geborene Bär, wuchs in der Sauerbrunnenstraße 18 auf. Das Häuschen, das sein Großvater vier Jahre vor seiner Geburt am 30. August 1881 erbaut hatte, war klein und von bescheidener Bauweise. Es war wohl nicht erhaltenswert. Als 1912 die Maschinenfabrik Louis Schuler die Immobilie kaufte, wurde das Haus abgerissen, das Firmenareal auf dem Grundstück erweitert. Erneut eröffnete Adolf Regensburger mit seinem Sohn Julius eine Viehhandlung und mietete sich mit seinem Betrieb in der Pfarrstraße 46 ein.
Im Dezember 1917 starb Adolf Regensburger. Der Name seines Sohnes Julius taucht erst 1927 wieder im Göppinger Adressbuch auf. Wo war er in der Zwischenzeit, was tat er? Da bleiben nur Spekulationen: hatte er wie sein einziger Bruder, der um ein Jahr jüngere Max, im Ersten Weltkrieg gedient? Wahrscheinlich, denn Julius war bei Kriegsbeginn 33 Jahre alt. Lebte er, wie sein Bruder Max, nach 1919 in Paris und versuchte dort sein Glück? Auf diese Fragen können aufgrund der mangelnden Informationen über Julius Regensburger keine Antworten gegeben werden.

Auch in sein späteres Leben können nur einige spärliche Einblicke gewährt werden. 1927 kam Julius Regensburger nach Göppingen zurück und bezog in der Querstraße 16 ein Mansardenzimmer. Sein Vermieter war das Ehepaar Wilhelm und Pauline Hiller, das im selben Gebäude eine Wirtschaft betrieb. Eine Wirtschaft? – Eigentlich war das Hauptgeschäft Wilhelm Hillers Brot zu backen und zu verkaufen. Doch neben dem Bäckerladen und dem mitten im Erdgeschoss eingebauten Backofen gab es noch ein Stübchen, das Platz für gerade mal drei Tische bot. Die reichten, um die 'Wirtschaft zum Blumenstrauß' zum beliebten Treffpunkt von Jung und Alt zu machen. Jeder fühlte sich wohl in der familiären und heimeligen Atmosphäre des „Sträußle“. Selbst Ehefrauen sahen es gern, wenn ihr Angetrauter dort als Stammgast verkehrte. Dann konnte sie sicher sein, dass er nicht bis in die späte Nacht hinein zechte, sondern spätestens zu den üblichen Ladenzeiten die Wirtschaft verlassen musste, damit Bäcker Hiller zu seinem Schlaf kam. Solch kleine Gasträume angeschlossen an einen Laden gab es früher häufig in Göppingen. Als 1986 die 'Wirtschaft zum Blumenstrauß' schloss, trauerten viele ihrem Gasthaus 'Ado' nach, das die Familie Adomeit 1953 von den Hillers übernommen hatte.
Julius Regensburger schien sich in seinem Dachzimmer über dem 'Sträußle' sehr wohl gefühlt zu haben. Elf Jahre wohnte er dort zur Miete. Im Sommer 1938 zog er aus – nicht freiwillig!

Sein Leben nach 1933
Das schonungslose Vorgehen der Nationalsozialisten, Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben auszuschalten, zwang ihn zu diesem Schritt. Julius Regensburger hatte eine kaufmännische Ausbildung gemacht und betrieb seit 1909 als Selbstständiger ein Geschäft für Öl - und Fetthandel. Welcher Art dieses Fett oder Öl war, mit dem er handelte, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass er koscheres Fett und Speiseöl vertrieb, denn nach den jüdischen Speisegesetzen wurden und werden auch sie nach rituellen Vorschriften zubereitet. Ein mit Schweinefett gekochtes Mahl ist einem gläubigen Juden untersagt zu essen. Da Julius Regensburger sein Gewerbe noch zu Lebzeiten seines Vaters begonnen hatte, Kontakte zu den Schächtern und Viehhändlern unterhielt, konnte er Ware liefern, die den qualitativen Ansprüchen auf Reinheit entsprachen. Die koscheren Restaurants und Spezialgeschäfte, viele private Kunden waren Abnehmer für diese Produkte. Möglicherweise hat er auch Schmieröl verkauft, das die jüdischen Viehhändler für ihre Fuhrwerke brauchten, oder später, als sie motorisiert waren, für ihre Lastwagen.

Julius Regensburger blieb unverheiratet, hatte keine Familie zu ernähren und doch beeinträchtigten die nationalsozialistischen Maßnahmen seine Tätigkeiten so stark, dass er nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kaum mehr von seinem Beruf als Handelsvertreter leben konnte. Ab 1935 wurde den jüdischen Viehhändlern die Handelserlaubnis entzogen, die antisemitischen Hasstiraden im Land zerstörten die Handelsbeziehungen zwischen den christlichen Bauern und den jüdischen Viehhändlern. Sie verarmten und mit ihnen die Berufsgruppen, die mit ihnen zusammenarbeiteten, wie die von Julius Regensburger. In einem Brief an das Bankhaus Gebrüder Martin vom Dezember 1939 beschreibt er seine Notlage: "Ich bestätige Ihnen hiermit, dass ich, nachdem mein Geschäftsbetrieb, Öl- und Fetthandel, unmöglich geworden war, seit August 1938 bei meinem Schwager Julius Dörzbacher Kost und Wohnung unentgeltlich genossen habe. Er hat deshalb seit diesem Zeitpunkt die entsprechenden Zuwendungen an mich gemacht und hat mir außerdem zur Bezahlung von Ausstattung am 12. Juli 1939... eine Zuwendung gemacht über RM 1674,15."

Hermine, die Schwester von Julius Regensburger, hatte 1912 die Ehe mit Julius Dörzbacher geschlossen. Gemäß dem schwäbischen Sprichwort: 'Sach gehört zum Sach ' hatte sie in die Viehhändler-Dynastie der Dörzbacher eingeheiratet. Seit 1885 betrieben die Gebrüder Samuel und Leopold Dörzbacher, von Jebenhausen kommend, einen Viehhandel in Göppingen. Die Geschäfte liefen gut und die Brüder ließen sich vom 'Werkmeister' Kübler ein großzügiges Haus in der Geislinger Straße 6 bauen. Die Einrichtung einer Gasbeleuchtung für 14 Flammen und die Verlegung einer Wasserleitung mit vier 'Auslaufhahnen' entsprach den modernsten Ansprüchen dieser Zeit. Im Parterre und im ersten Stock entstanden je eine Wohnung mit vier Zimmern und einem zusätzlichen Salon, im Dachstock nochmals sechs Zimmer. Es war ein Haus, das vielen Bewohnern Raum bieten konnte. Das war notwendig, denn Samuel Dörzbacher hatte zehn Kinder, sein Bruder Leopold, der schon 1896 starb, hatte drei. Samuel überlebte ihn um viele Jahre. Im Kreis seiner Familie feierte er 1926 seinen 75. Geburtstag – dieses Fest zu seinen Ehren wurde mit einem Foto dokumentiert. Er starb 1931 mit 80 Jahren. Seine Frau Hannchen folgte ihm zwei Jahre später.

Das Haus mit den Stall - und Werkstattgebäuden, die bis zur Gartenstraße reichten, gingen in den Besitz der Erbengemeinschaft Dörzbacher über. Ins bescheidenere Nachbarhaus, Geislinger Straße 8 war 1912 ein weiterer Bruder von Samuel gezogen, mit Namen Sigmund, der auch Viehhändler war.
Julius Dörzbacher, das dritte Kind von Samuel und Hannchen, zog nach der Heirat mit seiner Frau Hermine in die Bahnhofstraße 28, mietete dort ein Gebäude von Netter & Eisig und eröffnete, gemäß der Familientradition, einen Pferde- und Viehhandel. 1924 erwarb das Ehepaar in der Wühlestraße 23, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Bäcker Hiller, dem Vermieter von Julius Regensburger, ein altes, renovierungsbedürftiges Wohnhaus mit Scheuer und Remise, das er wohl hauptsächlich zur Unterstellung von Tieren benutzte.

Dieser Schwager und seine Schwester Hermine unterstützten Julius Regensburger finanziell so gut es ging, auch als ihnen im Sommer 1939 die Auswanderung nach England gelang. Alle neun Geschwister von Julius Dörzbacher konnten mit ihren Familien emigrieren. Warum Julius Regensburger keine Chance hatte oder die Chance nicht wahrnahm, Deutschland zu verlassen, konnte nicht geklärt werden.
Er zog nach dem Weggang seiner Schwester in die Geislinger Straße 6, in das Geburtshaus seines Schwagers. In dem Haus fand ab 1939 ein Mieterwechsel statt. Nach dem Tod Samuels und seiner Frau hatten Bürger und Bürgerinnen christlicher und jüdischer Religion unter einem Dach zusammen gewohnt, jetzt sammelten sich hier immer mehr jüdische Bewohner. Ausquartiert aus ihren Häusern und Wohnungen durch Enteignung oder Kündigung des Mietverhältnisses, wurden ihnen nun im Haus, in der Werkstatt, im Stall u.ä. Räumlichkeiten zugewiesen. Die Parterrewohnung des Hauses blieb ihnen versperrt, denn hier hatte seit 1932 die Schneiderin Marie Bauer sich eingemietet und eine Schneiderwerkstatt betrieben. Es wurde eng auf dem fast 11 a großen Gelände. Wie viele ehemalige Göppinger Bürger und Bürgerinnen jüdischen Glaubens gezwungenermaßen hier zusammenlebten, kann nicht genau ermittelt werden.

11 der Hausbewohner hatten sich, wie Julius Regensburger, am 28. November 1941 in der Schillerschule in Göppingen einzufinden. Keiner dieser Deportierten überlebte, sie wurden in Riga von den Nazis ermordet.

Aus Julius Regensburgers näheren Verwandtschaft kam auch sein Cousin, der 1890 in Göppingen geborene Jakob Regensburger ums Leben. Jakob, der seit etwa 1919 in Frankfurt / Main gelebt hatte, wurde von Drancy (Frankreich) aus nach Auschwitz deportiert und im August 1942 ermordet.

Das Haus in der Querstraße 16
Die heutige Bebauung der Querstraße 16

Am 19.September 2012 legte Gunter Demnig einen Stolperstein zur Erinnerung an Julius Regensburger vor seiner ehemaligen Wohnung in der Querstraße 16. Leider musste das ursprüngliche Haus einem Neubau weichen.

(10.03.2017 clm)

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