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Ottenheimer, Alfred, Luise Richard und Werner


Schumannstr. 14

Luises Elternhaus im Pfälzischen

Luise Ottenheimer wurde am 16. Februar 1889 als Luise Kaufmann in der Kleinstadt Kirchheimbolanden geboren, die im Südosten von Rheinland-Pfalz gelegen ist. Ihr Geburtsort beherbergte seit dem 16. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die zur Zeit von Luises Geburt etwa 80 Personen umfasste. Luises Vater Adolph Kaufmann war Schuhwarenhändler, im Ruhestand betätigte er sich als Amtsgehilfe in seiner Heimatstadt. Die Familie Decker, aus der Luises Mutter Frieda stammte, engagierte sich in der jüdischen Gemeinde des Ortes. Luise hatte zwei ältere Geschwister, Helena und Karl. Ihre Schwester konnte Luise aber nie kennenlernen - die kleine Helena starb schon vor Luises Geburt. Karl, der zwei Jahre ältere Bruder, sollte später Jura studieren und als Verwaltungsjurist arbeiten. Über Luises Kindheit und Jugend liegen keine Daten oder Familienerinnerungen vor, als ‚höhere Tochter‘ dürfte sie zumindest eine längere Schulausbildung erfahren haben. Das Foto aus dem Jahr 1912 zeigt eine hübsche, verträumt drein blickende junge Frau mit weichen Gesichtszügen. Wann und wo hat Luise ihren späteren Ehemann Alfred Ottenheimer kennengelernt? Am 3. August 1911 wird in Kirchheimbolanden die Ehe geschlossen und Luise zieht mit ihrem Ehemann in dessen Heimatstadt Göppingen.

Luise Ottenheimer geb. Kaufmann

Die Familie Ottenheimer und ihr Unternehmen
Alfred Ottenheimer, geb. am 7.Januar 1879 in Göppingen, war Nachkomme einer der ersten jüdischen Familien, die sich 1777 in Jebenhausen bei Göppingen niedergelassen hatten, darunter Alfreds Ur - Urgroßvater Salomo Ottenheimer, der aus Mühringen bei Horb stammte. Von den zahlreichen Nachkommen blieben nur wenige in Jebenhausen bzw. später in Göppingen ansässig. Viele wanderten im 19. Jahrhundert in die USA aus.

Alfred Ottenheimer

Alfred hatte drei Brüder und drei Schwestern. In Göppingen wohnte nur sein älterer Bruder Max, mit dem er gemeinsam das Unternehmen der Familie, die Mechanische Weberei Süßen Gebr. Ottenheimer A.G. leitete, seit 1909 auch als Gesellschafter. Die Geschichte des Unternehmens begann schon 1854 in Jebenhausen. Dem späteren Standort in Göppingen folgte 1905 der Neubau der Fabrikhallen in Süßen im Landkreis Göppingen. Im Jahr 1927 arbeiteten 150 Arbeiter und Angestellte beiderlei Geschlechts in der Firma. Am 3. 12.1929, zum 75jährigen Gründungsjubiläum der Firma, schreibt der Süßener Ortsvorsteher Schultheiß:
„ Dem zähen Ringen und der großen Ausdauer der titl. Firmeninhaber ist es gelungen, die Firma zu hoher Blüte und Ansehen zu bringen und wir freuen uns, feststellen zu können, daß der wirtschaftliche Aufschwung und die Entwicklung der Gemeinde im allgemeinen zu einem Großteil der gefeierten und geschätzten Firma, insbesondere unserm verstorbenen Ehrenbürger Herrn Josef Ottenheimer und den derzeitigen Inhabern, den Herren Max und Alfred Ottenheimer zu verdanken ist.“
Eine junge Familie
Luise und Alfred Ottenheimer konnten sich am 28. Juni 1912 über die Geburt ihres Sohns Richard freuen, und am 30. März 1916 über die Geburt von Werner. Damals wohnte die Familie im Haus Freihofstr. 29 (heutige Zählung Nr.70) zur Miete, das dem Tapezierer Robert Roth gehörte. Der jüdisch-stämmige Unternehmer Sigmund Eisig war ein Wohnungsnachbar der Ottenheimers, die in den folgenden Jahren noch unter zwei weiteren Adressen zu finden sind. In allen Fällen handelt es sich um einen ‚christlichen‘ Hauseigentümer. Unter den Mietern waren Juden und Christen. Aus heutiger Sicht ist auch bemerkenswert, dass Unternehmer, die vergleichsweise große Betriebe leiteten, damals häufig zur Miete wohnten.
Während des Ersten Weltkriegs diente Alfred Ottenheimer als Landwehrmann in einem Württembergischen Infanterieregiment und erhielt als Anerkennung die Württembergische Silberne Militär-Verdienstmedaille.
Im Zivilleben engagierte sich Alfred unter anderem in der Jüdischen Gemeinde: Seit 1925 diente er als Kassierer im ‚Israelitischen Männer (Unterstützungs-) Verein und beim kulturell ausgerichteten Verein ‚Merkuria‘ übernahm er seit 1925 das Amt des Kassierers. Auch ist Alfred als Gründungsmitglied des Göppinger Schwimmvereins verzeichnet. Sein Sohn Werner hatte ihn als „biederen Göppinger Schwaben“ in Erinnerung. Von Luise ist kein gesellschaftliches Engagement überliefert, vielleicht ist das Foto, in dem sie in ein Buch vertieft ist, typisch für ihre Lebensgestaltung. Im Januar 1930 zog Luises verwitweter Vater Adolf Kaufmann nach Göppingen zu seiner Tochter, die ihn bis zu seinem Tod im April des Jahres pflegte.

Louise Ottenheimer

Ein eigenes Haus in der Schumannstraße
Im Juni 1935 konnten Luise und Alfred mit ihren Söhnen in ihr eigenes Einfamilienhaus in der Schumannstraße 14 einziehen. Als Architekten hatten sie Immanuel Hohlbauch gewählt, einen Göppinger Liberalen, der als Gegner der Nazis bekannt war. Vielleicht galt die Wahl des Architekten nicht nur dem begabten Gestalter, sondern war auch eine politisch motivierte Entscheidung. Das Einfamilienhaus lag in einem damals noch lückenhaft bebauten Gebiet und unterscheidet sich heute sichtbar in seiner Bescheidenheit von einigen anderen Wohnhäusern in der weiteren Nachbarschaft, die ebenfalls für Unternehmer gebaut wurden. Nur für wenige Jahre konnte die Familie das neue Haus gemeinsam bewohnen, denn die Nazi-Herrschaft hatte damals schon tief in das Leben der Familie eingegriffen.

Schumannstr. 14

Die Ausbildung der Söhne In einem familiengeführten Unternehmen war es üblich, den eigenen Nachwuchs für Aufgaben im Betrieb zu qualifizieren und so hielten es auch die Ottenheimers. Über den Sohn Richard ist in einer Restitutionsakte zu lesen: „Herr Richard Ottenheimer konnte seine berufliche Ausbildung zum vorgesehenen technischen Leiter und Mitinhaber noch vollenden, zuletzt auf dem Technikum in Reutlingen.“ Tatsächlich hatte sich Richard als Textilchemiker qualifiziert. Mit Chemie hatte auch sein Hobby zu tun: Das Fotografieren und das Entwickeln von Fotos. Vermutlich schon davor hatte Richard ein Studium mit dem ‚Master-Degree‘ an der Universität von Cambridge / Großbritannien abgeschlossen. Nach seinem Studium in England sprach er fließend Englisch.
Der jüngere Sohn Werner bestand im Frühjahr 1935 das Abitur am Göppinger Realgymnasium, danach folgte ein kurzes Volontariat bei der Firma Schuler. Ein Studium in Nazi-Deutschland war ihm als ‚Juden‘ verwehrt. Werner konnte aber in die Schweiz flüchten, wo er von Oktober 1935 bis Dezember 1940 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich das Fach Maschineningenieur studierte und mit dem Diplom abschloss.
Auch Werners Cousin und Schulkamerad Erich Ottenheimer, Sohn von Max Ottenheimer war ursprünglich als Nachfolger seines Vaters im Unternehmen vorgesehen gewesen. Wie seine Cousins hatte er in Nazi-Deutschland keine Berufsperspektive. Nach dem Abschluss seiner kaufmännischen Ausbildung flüchtete er schon 1935 nach England und ließ sich später in Venezuela nieder.

Werner Ottenheimer
Richard Ottenheimer

Der Zwangsverkauf des Unternehmens
Als Werner Ottenheimer sein Studium beendet hatte, befand sich die Mechanische Weberei schon lange nicht mehr im Besitz der Familien Ottenheimer. Am 6. Dezember 1937 verkauften Alfred und Max Ottenheimer ihr Unternehmen an zwei ‚arische’ Käufer aus Süßen, Eugen Wiedmann und Johannes Abt. Als ‚jüdisches’ Unternehmen war die Weberei bei der staatlich gelenkten Zuteilung von Ware benachteiligt worden, so dass der Niedergang nur eine Frage der Zeit gewesen wäre. Der Zeitpunkt des Verkaufs im Jahr 1937 erlaubte es den Verkäufern, den Erlös zumindest innerhalb des Deutschen Reichs wieder anzulegen. Sowohl Max Ottenheimer wie auch Alfred erwarben Wohnhäuser in Stuttgart.

Richards Flucht, Alfreds Tod, Luises Vertreibung
Am 8.Dezember 1937, zwei Tage nach dem Verkauf der Fabrik, reiste Richard Ottenheimer per Schiff von Rotterdam aus in die USA, wo er zunächst in Providence / Rhode Island unterkam. Mit auf dem Schiff befand sich auch sein ‚Lift‘, in dem er die wichtigsten Haushaltsgegenstände eingelagert hat; ein kleines Glück, dass er auch sein chemisch-fotografisches Labor mitführen durfte. Über seinen weiteren Aufenthalt in den USA bis zum Beginn des Kriegs ist wenig bekannt, laut Frachtpapieren, die in den Restitutionsakten des Staatsarchiv Ludwigsburg zu finden sind, plante er aber, sich in Philadelphia oder Chicago nieder zu lassen.
Innerhalb von wenigen Jahren war die Lebenswelt Alfred Ottenheimers von den Nazis zerstört worden. Die Weberei, Familienbesitz seit Generationen, war verloren, die Söhne ins Ausland geflohen, und als ‚Juden‘ waren er und seine Frau in Nazi-Deutschland geächtet. Alfred Ottenheimer erkrankte, er suchte Hilfe und hoffte auf Genesung in einem Sanatorium in Baden-Baden, das vom jüdischen Arzt Dr. Friedrich Heinsheimer gegründet worden war. Dort starb Alfred Ottenheimer am14. Juni 1938, erst 59 Jahre alt. Die offizielle Todesursache konnte nicht mehr ermittelt werden, der Familienerinnerung nach war es Herzversagen nach vielen bitteren Enttäuschungen in den letzten Lebensjahren.
Nach Alfreds Tod lebte Luise nur noch bis November 1938 alleine in ihrem Göppinger Haus. Dann zog sie nach Stuttgart, zunächst in die Azenbergstr.51, wo sie als Untermieterin im Haus der jüdischen Familie Stern wohnte.

Einen Teil der Göppinger Wohnungseinrichtung („3 Zimmer-Wohnung mit 2 Couches, Haus- & Küchengeräten, Wäsche und Glas“) konnte sie mit dorthin nehmen, den größeren Teil wird sie aber außerhalb ihrer Wohnung eingelagert haben. Es konnte nicht endgültig geklärt werden, warum Luise von Göppingen weg zog. Anscheinend wurde sie dazu gezwungen, wie sich ihr Sohn Werner erinnerte. Aus der Familie Stern lebt noch der 1924 geborene Heinz Stern, der im Juni 1939 mit einem Kindertransport nach England fliehen konnte. Er erinnert sich an eine verbitterte Frau, die als Untermieterin das ehemalige Schlafzimmer seiner Eltern bewohnte. Dass Luise unter diesen beengten Umständen unglücklich und unzufrieden war, ist verständlich.

Arzenbergstr. 51

Erst im August 1939 konnte sie das Göppinger Haus an einen ‚Arier’ verkaufen. Der Käufer, Adolf Reiber, hatte mit Luise Ottenheimer einen fairen Kaufpreis vereinbart, das Württembergische Nazi - Wirtschaftsministerium griff aber ein und schrieb vor, den Preis zuungunsten von Frau Ottenheimer um RM 5000 zu reduzieren. Der verbliebene Erlös kam aber ohnehin auf ein Sperrkonto.

Beraubt und ermordet
In Stuttgart musste Luise zumindest noch zweimal die Wohnung wechseln. Der erste Umzug wurde notwendig, als die Familie Stern ihr Haus verkaufen und im Juli 1940 ausziehen musste. Hertha und Albert Stern, sowie ihre Tochter Ruth, wurden im KZ Riga / Jungfernhof ermordet, Stolpersteine von dem heute nicht mehr vorhandenen Haus in der Azenbergstraße erinnern an ihr Schicksal. Luises letzten Wohn-Adressen in Stuttgart, zuletzt die Breitlingstr.33, waren wahrscheinlich ‚Judenhäuser’. Vergeblich versuchte Luise Ottenheimer nach Kuba zu fliehen. Sie erhielt das rettende Visum erst, nachdem die Nazis im Oktober 1941 Juden die Auswanderung untersagt hatten.
Aus ihrer Zeit in Stuttgart sind Dokumente vorhanden, die ihre Verarmung aufzeigen: Ihren Schmuck und Teile ihres Hausrats brachte sie im Mai 1939 ins Städtische Pfandleihhaus, wahrscheinlich, um eine weitere Rate der ‚Judenvermögensabgabe‘ zahlen zu können, einem Raubzug der Nazis in der Folge der Pogromnacht vom November 1938. Auch ihr Wertpapierbesitz und der Verkaufserlös des Stuttgarter Wohnhauses verschwanden durch staatliche Zwangsmaßnahmen. Wenigstens konnte sie ihrem Sohn Werner monatlich RM 250 als Studiengeld zukommen lassen.
Am ersten Dezember 1941 wurde Luise Ottenheimer von Stuttgart aus nach Riga / Litauen deportiert und im Lager Jungfernhof eingepfercht. Ein Großteil der Lagerinsassen, soweit sie im Winter 41/42 nicht schon erfroren waren, wurde im März 1942 im Wald Bikernieki erschossen. Auf welche Weise auch immer Luise Ottenheimer von den Nazis ermordet wurde, ihr Tod wird grauenhaft gewesen sein.
Nach dem Krieg blieb Luises Schicksal zunächst offen, sie galt als ‚vermisst‘. Ihr Bruder Karl Kaufmann beauftragte daher das britische Rote Kreuz nach ihr zu suchen.

Kriegs- und Nachkriegszeiten
Werner Ottenheimer studierte bis Ende Dezember 1940 in Zürich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. In seiner Studienzeit erhielt er zwar eine finanzielle Unterstützung durch seine Mutter, der Betrag kann aber nicht für alle seine Aufwendungen gereicht haben. Zu den jährlichen Studiengebühren von 300 SFr kamen Gebühren für Fachpraktika. Da Werner aber keine finanzielle Unterstützung durch die Schweizer Behörden erfuhr, wird er neben dem Studium gearbeitet haben. Leider nahm die Schweiz damals keine Flüchtlinge mehr auf. Werner bemühte sich nach Ende des Studiums um die Ausreise nach Kuba. Bis dahin wurde er, wie alle in der Schweiz geduldeten Emigranten, in einem Arbeitslager interniert, und zwar von Januar bis November 1941 in den Lagern von Locarno und Gordola, beide im Tessin gelegen.
Die Lebenssituation der Internierten war erträglich, ein Kulturprogramm, das die Insassen zum Teil selbst gestalten konnten, wurde für die Freizeit angeboten, kurze Urlaube konnten genehmigt werden. Speziell das Lager Gordola könnte für Werners weiteres Leben prägend gewesen sein, galt es doch als ‚Künstler- und Kommunistenlager‘. Werner bezeichnete sich später als zur politisch Linken gehörig und es stellt sich die Frage, ob der junge Ex-Student von seinen Lager-Kameraden politisch geschult wurde. Andererseits wäre es denkbar, dass Werner schon als Student politisch aktiv war und deswegen gerade ins Lager Gordola gelangte. Am 10.Januar 1942 legte ein Schiff von Lissabon ab, das Werner Ottenheimer nach Santiago de Kuba brachte. Bald schon konnte Werner in Kuba in seinem erlernten Beruf in einer Textilfabrik arbeiten, später auch in gehobener Stellung. Ein Foto aus den 1970er Jahren zeigt ihn als Mitglied einer kubanischen Delegation beim Besuch in China.

Werner Ottenheimer

1954 heiratete er die Kubanerin Isabel Garcia Carbalena, mit der er zwei Kinder hatte, Werner jr. und Isabel-Luisa. Als politisch Linker sah er auch nach der Castro–Revolution im Jahr 1959 keinen Grund, das Land zu verlassen. Er beendete sein Berufsleben im Alter von 70 Jahren, zum Schluss war er im Kubanischen Ministerium für Leichtindustrie angestellt. Viele Jahre lang stand Werner Ottenheimer mit dem Göppinger Stadtarchivar Dr. Rueß in Briefkontakt, die erhoffte Reise in seine Geburtsstadt kam aus finanziellen Gründen aber nie zustande. Im Alter von 92 Jahren starb er im Dezember 2008 in Havanna. Werners Kinder, Enkel und Urenkel leben in Kuba und in den USA.

Werner Ottenheimer 2007

Richard Ottenheimer, der im Dezember 1937 in die Vereinigten Staaten fliehen konnte, trat 1944 in die US-Armee ein.
1946 war er in Österreich stationiert und bemühte sich, Göppingen auf zu suchen. Diesen Vorgang hat John Holbrook, der erste US – Militärbefehlshaber von Göppingen in einem Schreiben aus dem Jahr 1949 fest gehalten: „Weiter bestätige ich, dass ungefähr im Mai 1946 ein amerikanischer Soldat namens Richard Ottenheimer, jetzt genannt Rich. Otten, nach Göppingen kam und bei mir um die Erlaubnis nachsuchte, sich bei meiner Militärregierungseinheit (Detachment) aufhalten zu dürfen, um Untersuchungen betr. seiner Mutter durchzuführen, welche ebenfalls in Göppingen wohnhaft war, inzwischen jedoch verstorben war. Er bat um Aufenthalt für die Dauer von 10 – 15 Tagen. Weiter wollte er Erhebungen anstellen, betr. der Transaktion, die zwischen seinem Vater und seiner Mutter getätigt worden waren in Bezug Verkauf des Einfamilienhauses Schumannstr.14 an Herrn Reiber.“
Vom Treffen zwischen Adolf Reiber und Richard Otten(heimer) schreibt Holbrook: „Zur Zeit seiner Rückkehr nach den Vereinigten Staaten und zur Armee, sagte Richard Otten mir, dass Herr Reiber ihm in jeder Weise behilflich gewesen wäre bei der Durchführung seiner Untersuchungen, und dass es ihm bewusst sei, dass es Frau Ottenheimer nur durch Herrn Reiber gelungen sei, damals ein Heim in Stuttgart zu finden.“
Letzte Aussage kann durch keine andere Quelle bestätigt werden, im übrigen zeigte sich Holbrook auch gegenüber weiteren Aussage als sehr gutgläubig. Ebenfalls im Holbrook - Schreiben findet sich die Aussage: „ … dass der Verkauf (des Hauses - kmr) an Herrn Reiber ein durchaus normaler Geschäftsvorgang gewesen war, welcher freiwillig von seiner (= Richard Ottens - kmr) Mutter durchgeführt wurde.“ Auch wenn von ‚Freiwilligkeit‘ in der gegebenen historischen Situation nicht die Rede sein kann, wirft die Restitutionsakte zur Rückerstattung des Hauses tatsächlich kein schlechtes Licht auf Adolf Reiber. Der Stuttgarter Rechtsanwalt Benno Ostertag vertrat im Restitutionsverfahren die Brüder Ottenheimer, nachdem er das Mandat von Alfreds jüngstem Bruder Ludwig Ottenheimer, Rechtsanwalt in New York, erhalten hatte. Ostertag schreibt im August 1950: „In der Rückerstattungssache Ottenheimer / Reiber nehmen wir den Rückerstattungsanspruch gemäss der Rückerstattungsanmeldung v. 10.12.1948 hiermit zurück. Wir erklären uns mit der Aufhebung der Vermögenskontrolle und mit der Löschung des Rückerstattungsvermerks im Grundbuch einverstanden.“ Eine Nachzahlung auf den Kaufpreis musste Adolf Reiber nicht leisten.

Richard Ottenheimer

Nach seiner ‚Ehrenhaften Entlassung‘ aus dem Militärdienst im Jahr 1946, dem Erhalt der US-Staatsbürgerschaft und der dabei vollzogenen Anglisierung seines Nachnamens in ‚Otten‘ blieb Richard noch drei weitere Jahre als Angestellter der US-Armee in Europa und arbeitete im Nachrichtenbereich. Wohl schon in dieser Zeit lernte er seine spätere Ehefrau kennen. Hannah Hinde Mann gehörte seit den frühen 40er Jahren dem ‚Woman‘s Army corps‘ an. Sie stammte aus einer jüdisch-litauischen Familie, ihre Eltern waren um 1910 in die USA eingewandert um sich vor den Pogromen im Zaristischen Russland in Sicherheit zu bringen. Hannah und Richard heirateten 1949 in Milkauwee und wohnten in der Region von New York. 1951 kam ihr einziges Kind, der Sohn William Alfred Otten zur Welt. Richard konnte in seinem Beruf als Chemiker in der Textil- und Synthetikkautschuk-Branche arbeiten, Hannah war am Ende ihres Berufslebens als Herausgeberin im Verlag Harper & Row tätig.
Leider starb Richard Otten im Januar 1964 mit nur 51 Jahren an einem Krebsleiden, seine Frau überlebte ihn um 32 Jahre. Ihr Sohn William, ihre Enkel und Urenkel leben in den USA.

Geflohen, überlebt
Aus den Familien Ottenheimer und Kaufmann wurden glücklicherweise außer Luise keine weiteren Mitglieder von den deutschen Nazis ermordet. Luises Bruder Karl Kaufmann war bei der Deutschen Reichsbahn bis zum Reichsbahnrat aufgestiegen und lebte zuletzt mit Frau und Tochter in München. Als ‚jüdischer‘ Beamter war er von den Nazis in den Zwangsruhestand versetzt worden. In der Pogromnacht vom 9./10.11.1938 wurde er verhaftet und für über einen Monat im KZ Dachau gequält. Im März 1939 gelang der Familie die Flucht nach England, wo sie in der Nähe von Oxford ein Zuhause fand.
Alfred Ottenheimers Schwestern Rosa Wolf und Berta Spiegelthal flohen in die USA, Julie Reiß nach Brasilien. Seine Brüder Max und Ludwig konnten sich ebenfalls in die USA retten.
Am 13. November 2016 wurden vor dem Haus Schumannstr.14 die Stolpersteine für die Familie Ottenheimer gelegt. Aus der Familie wirkten William (Bill) Otten und seine Frau Susan an der Zeremonie mit. Bill Otten verdanken wir viele Familienerinnerungen, Recherchen und Fotos. Unterstützung erfuhren wir auch von Frau Prof. Gilya Gerda Schmidt, die in ihrem Buch ‚Suessen Is Now Free of Jews‘ auf das Schicksal der Familie Ottenheimer und ihres Unternehmens eingegangen ist und darüber hinaus viele Fragen beantworten konnte.

03.12.2017 kmr