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Kynast, Theodor

 Vordere Karlstr. 64

„Abt. Mörder“ ritzte Theodor Kynast in einen Keks, den seine Eltern zusammen mit dem Nachlass nach seiner Ermordung von der Tötungsanstalt Grafeneck bei Münsingen erhielten. Diese Mitteilung war ein letzter, aussichtsloser Hilfeschrei, ein verzweifelter Hinweis auf das an ihm begangene Verbrechen, aber auch ein Beweis für den Verlust jeglicher Menschenwürde.

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Über seinen Lebenslauf ist sehr wenig bekannt, geboren wurde er am 28. Juni 1904 in Charkow in der Ukraine, von drei Geschwistern starben zwei im Kindesalter, ein Bruder starb im Alter von zwanzig Jahren in der damaligen Heilanstalt Winnenden.
Theodor Kynasts Mutter stammte aus Finnland, sein Vater aus Geislingen/Steige. Im Juni 1939 zog die Familie von Rechberghausen nach Göppingen in die Vordere Karlstraße 64.

Herr Kynast litt unter einer Schizophrenie, mit Sicherheit hat er lange Zeit in der Fachklinik Christophbad in Göppingen verbringen müssen. Er gehörte zu den 'Staatspfleglingen', also zu den auf öffentliche Kosten untergebrachten Patienten. Am 14. Oktober 1940 brachte man ihn auf Anordnung des Württembergischen Innenministeriums zusammen mit 74 weiteren Patienten in die damalige Heilanstalt Winnental. Zwischenverlegungen in eine andere staatliche Anstalt vor der Fahrt nach Grafeneck waren die Regel, um die Spuren von Opfern und Tätern zu verwischen. Transportiert wurden die Opfer in Bussen mit verhüllten Fenstern.

Am 29. November wurden 16 der Göppinger Patienten - unter ihnen Theodor Kynast - zusammen mit Patienten und Heimbewohnern aus verschiedenen Einrichtungen in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht, die bei Münsingen auf der Schwäbischen Alb liegt. Noch am selben Tag wurde Theodor Kynast dort durch Gas ermordet.

Grafeneck, ein ehemaliges herzogliches Jagdschloss nahe des bekannten Landesgestüts Marbach wäre eine Idylle, wäre nicht im Jahr 1940 dort eine Tötungsanstalt, ausgestattet mit einer 75 Personen fassenden Gaskammer eingerichtet worden, die erste ihrer Art überhaupt. Der systematische Massenmord an psychisch Kranken und Behinderten ging damit dem Massenmord an den Juden voraus, die Gaskammern von Auschwitz gehen auf die von Grafeneck zurück. In den Jahren 1940/41 war die Grafenecker Gaskammer in Betrieb, bis das mörderische Plansoll erfüllt war. Dass Menschen in grauen Bussen mit verhüllten Fenstern dort hin gebracht und ermordet wurden, war in der umliegenden Bevölkerung bekannt, die Rauchwolke des Krematoriums war stets weithin sichtbar.

Theodor Kynast ist einer von über 70.000 psychisch kranken oder geistig behinderten Männern, Frauen und Kindern, die in Grafeneck und fünf weiteren Tötungsanstalten in den Jahren 1940/41 der so genannten T4-Aktion der Nazis zum Opfer fielen. T4 -(geplant wurde die Aktion in dem Gebäude Tiergartenstraße 4 in Berlin) war ein gewaltiges, systematisch organisiertes Mordprogramm, das die Vernichtung „unwerten Lebens“ zum Ziel hatte. Rassenwahn und kapitalistische Profitinteressen waren die Gründe für die Vernichtungspolitik des NS - Regimes. Der 'Volkskörper' sollte von „nutzlosen Essern“ und „Ballastexistenzen“ gereinigt, psychiatrische Einrichtungen mit ihrem Personal für den Gebrauch durch die Wehrmacht freigemacht werden.

Die Fotografie des Kekses sowie der so genannte Trostbrief mit der Todesbenachrichtigung, die Kynasts Eltern von den Mördern in Grafeneck erhielten, wurden viele Jahre in der heutigen Gedenkstätte Grafeneck aufbewahrt und sind inzwischen im Haus der Geschichte in Stuttgart ausgestellt. In dem „Trostbrief“ – Todesursache und -datum wurden darin gefälscht – ist unter anderem folgendes zu lesen: „Zu leiden hat er nicht brauchen … Da es für ihn nach ärztlichem Erfahrungswissen nie zu einer Besserung hätte kommen können, bedeutet der Tod für ihn eine wirkliche Erlösung.
Der Keks beweist das Gegenteil.

Seit April 2007 liegt der Stolperstein für Theodor Kynast vor dem Wohnhaus Vordere Karlstr. 64.

Dieser Text beruht auf den Recherchen, die Christa Limmer angestellt hat.
Weitere Informationen zum Thema finden sich in der Broschüre: „Aktion T4 und die Heilanstalt Christophsbad“ verfasst von Thomas Stöckle.

(28.01.2017 kmr)

 

 

 

 

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